Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Minden, 18. Oktober 1868

Minden, den 18. Octbr 1868.

Mein lieber Ernst!

Meinen herzlichsten Glückwunsch zu dem großen Ereigniß. Also ein Prinz ist eingezogen – was Du wohl für Augen machst, um das kleine Geschöpf zu studiren, für Ohren, wenn er schreit, für philosophisch-naturwissenschaftliche Bemerkungen, wenn er sich Mühe giebt, so viel als möglich von der ihn umgebenden Materie in seinen individuellen Strudel hereinzuziehen und sein zu nennen, kraft der Attractions- und Assimilirungskraft. Hoffentlich zerfällt er nicht mit dieser Welt, sondern gedeiht zu des Vaters u. der Mutter Wonne. –

Mein Junge, welcher übrigens Ernst heißt, gedeiht an der Brust einer exemplarisch kräftigen Amme excellent, || und wird – die Vermuthung ist viel sicherer, als eine Menge Deiner gelehrten Conjecturen – einst dicker u. größer als sein kleiner Vater. Führt er einmal aus, was sein kleiner Vater an Plänen u. Theorien im Kopfe herumgewälzt hat u. noch herumwälzt, so wird er ein großes Subjectum. Du siehst, in dieser Beziehung steht für meinen Jungen das Horoskop besser, als für Deinen. Was muß Dein armer Schelm alles lernen, thun u. dichten, um seines berühmten Vaters nur würdig zu werden; wie wenig braucht meiner zu thun, um seinen Vater zu überstrahlen. So hat jedes Ding seine 2 Seiten, wie der allweise Tertianer so manches Jahr der staunenden Welt verkündet. ||

Deine Schöpfungsgeschichte habe ich allerdings schon als Novität zugeschickt bekommen, werde sie auch für unsern wissenschaftlichen Lesezirkel, dessen Secretär ich bin, anschaffen. Allerdings interessirt sie mich sehr, u. Du würdest Deine Liebenswürdigkeit gegen mich, die Du unverdienter Weise mir stets bewiesen hast, allerdings um ein Erhebliches steigern durch eine so große Billigkeit, als ein Frei-exemplar in sich involvirt.

Grüße Deine liebe Frau u. junge Mutter, ebenso Deine lieben Eltern, wenn sie bei Dir sein sollten.

Die Grüße von Gandtner werden durch ebenso ein Ding retournirt. Die Grüße an Frommanns hättest Du billiger gehabt, alldieweil Frommanns in den Michaelisferien selbander in Jena waren; indeß kann das || ein Mensch nicht wissen, der bei den Sauriern mehr lebt als unter den Lebenden, u. welchem der rothe Klee mit den Hummelbestien mehr imponirt als ein Glas gutes Bier. Frommann ist jetzt wieder hier, die Frau aber in Jena geblieben, bis Weihnachten – um eine Kur zu gebrauchen.

Sed haec quidem hactenus, sagt Cicero. – Und alles ist eitel, sagt Salomo in seiner Pracht. Und alles muß rujenirt werden, sagt der Social-Demokrat. Ich sammle nämlich die besten Kernsprüche der denkenden species, um hübsch unter den Menschen ein Mensch zu sein. –

Dein

Ludwig.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
18-10-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2333
ID
2333