Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Minden, 10. Juli 1868

Minden, den 10. Juli 1868.

Lieber Ernst!

Vor einem Vierteljahre, am 11. April, starb mir mein letztes Kind, ein reizendes kleines Mädchen nahe an 4 Jahre, welches sich so hoffnungsvoll entwickelte. Schon acht Tage vor dem Tode war es gewiß, daß es nicht gerettet werden konnte. Gehirn-Tuberculose – und Du wirst Bescheid wissen. Mein Herz war zerrissen und noch bis zur Stunde kehrt mir der Gedanke an das liebe Geschöpf das Herz um. Ich habe Dir damals nichts angezeigt, denn was können uns andere – und wären es die liebsten Freunde – für Trost geben?

Heute habe ich eine freudige Mittheilung zu machen und ich eile Dir zuzurufen: || „Freue Dich mit mir!“ Gestern Abend, am Donnerstag a um 8 Uhr haben wir einen kräftigen Jungen bekommen; der erste Junge istʼs, das erste Wesen, welches den Stammbaum derer vom finstern Busche weiter führen kann – wenn er mir erhalten bleibt. Denn wahrlich bei meinen Erfahrungen darf man nachgerade ängstlich werden. Meiner Frau geht es recht gut und sie läßt herzlich grüßen in froher Erinnerung an den schönen Morgen, als Du Dich in so liebenswürdiger Weise um unsertwillen um einen Vormittag betrogest. Deine liebe Frau habe ich im Bilde gesehen im Album der Frau Dr. Frommann. Es geht Euch doch gut? und hoffentlich sproßt auch Dein Stammbaum?

Bitte, willst Du so freundlich sein, und || durch Dein Mädchen bei Dr. Frommann, d.h. dem Mindenser, die Anzeige machen, daß hier ein kleines Finsterbüschel masculini generis angekommen sei?

Über das Anwachsen Deiner wissenschaftlichen Werke schweige ich ganz, denn das ist wahrlich um es rein mit der Angst zu kriegen, einmal weil unser eins nichts leistet, zum andern aber, weil Du die vermaledeyten Affen so zärtlich unter deine Obhut nimmst.

Mit den herzlichsten Grüßen von Haus zu Haus

Dein

L. Finsterbusch.

a gestr.: 0

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
10-07-1868
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2332
ID
2332