Pfitzer, Ernst

Ernst Pfitzer an Ernst Haeckel, Berlin, 16. November 1865

Berlin d. 16 November 1865.

Sehr geehrter Herr Professor!

Verzeihen Sie, wenn ich, obgleich Ihnen ganz unbekannt, einige Worte an Sie zu richten wage. Ich hoffe Ihnen jedoch damit einen Dienst zu leisten, und daß dies meine Freiheit entschuldigen wird. Bezugnehmend auf die Bitte, die Sie in der Einleitung Ihres Werkes über die Radiolarien aussprechen, erlaube ich mir, Sie auf eine Fundgrube fossiler Radiolarien aufmerksam zu machen, die, wie ich glaube, der Aufmerksamkeit der bisherigen Beobachter entgangen ist. Ich erhielt im Dezember 1863 durch die Mineraliensammlung von Dr. Krantz in Bonn eine „Foraminiferen Sand von Brünn – (Wiener Becken)“ bezeichnete Probe, die mir bei microscopischer Untersuchung unter den die Hauptmasse bildenden Foraminiferen auch zahlreiche wohlerhaltene Panzer von Radiolarien zeigte, von denen ich auch einige schon präparirt habe. Meine Bemühungen, sie nach Ehrenberg zu bestimmen, waren vergeblich, nie konnte die Gattung Eucyrtidium, Haliomma u. weitere Arten erkannt werden. Meine Probe ist nur klein, ich sende daher nur eine Kleinigkeit und einige zwischen zwei Deckgläsern in Balsam befindliche Formen mit: ich glaube nämlich, daß Sie durch Dr. Krantz leicht eine Menge des Sandes erhalten können. Sollte dies nicht der Fall, vielmehr die Probe in der Handlung schon vergriffen sein, so bin ich gern bereit, Ihnen meine Probe ganz zu übersenden, damit die darin enthaltenen etwaigen neuen Formen Ihrem Werke nicht fehlen. Sie zeigen zwar nicht ganz die märchenhafte || Schönheit der meisten in Ihrem Werke über lebende Radiolarien abgebildeten Formen, die einmal in Wirklichkeit zu sehen einer meiner größten Wünsche ist, sind aber noch immer schön genug, um meinem, durch häufige Beobachtung der reizenden Desmidien und Diatomeen verwöhnten Auge bewunderungswürdig zu erscheinen.

Vielleicht bin ich auch noch im Stande, Ihnen eine andere Polycystinen-haltige Probe zu verschaffen, die ein naturwissenschaftlicher Freund in Königsberg in Preußen in einem Lager von nordischem Sande als Geschiebe gefunden hat: doch muß ich über diesen Punkt erst bei dem Entdecker anfragen.

Sollten Sie meinem Briefe die Ehre einer Beantwortung widerfahren lassen wollen, so würde mich das hoch erfreuen. Meine Adresse ist bis zum 1 Dezember Berlin. Dorotheenstrasse 91. 3 Treppen, vom 1 Dezember bis auf Weiteres Berlin Marienstrasse 12., eine Treppe.

Hochachtungsvoll

ergebenst

Ernst Pfitzer.

stud. sc. rer. natur. ||

PS. Das mit einliegende Präparat ist mit Willen etwas unregelmäßig gefertigt, um die Lage der darin vereinzelten Polycystinen angeben zu können.

[Zeichnung]

Es ist aus dem rohen Sande gefertigt. Ich habe auch Proben desselben mit Säuren behandelt, auch größere Formen mit der Nadel ausgesucht. Lästig ist eine die Höhlungen der Polycystinen ausfüllende braune Masse, die ihr Erkennen oft erschwert, und durch Säuren nicht ganz verschwindet. Vielleicht führt concentrirte Schwefelsäure zum Ziel: dies habe ich noch nicht versucht. Auch meine Präparate stehen Ihnen zur Beobachtung zur Verfügung.

E. Pfitzer.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15.11.1865
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 23303
ID
23303