Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Hagen, 23. Juli 1862

Hagen am 23. Juli 1862.

Mein lieber Ernst!

Es ist mir ein entzückender Gedanke, einer jener reinen Genüsse, in der fröhlichen und zugleich ungeduldigen Adventszeit meiner Hochzeit die Gewißheit zu haben, daß die Sonne noch einen Überglücklichen mehr bescheint. Zwar scheint dieses süperbe Himmelsgestirn in ihrer feurigen Saison sich wenig um die Glücklichen auf unserer Erde zu bekümmern, denn wochenlang verhüllt sie sich in gar zu heftige Waschlappen und frottirt ihren glühenden Leib mit triefenden Handtüchern, als executirte sie die intensivste Kaltwasserkur, doch lässt sich daraus noch ganz und gar nicht auf ihre innerlichsten Gedanken und Gefühle schließen, und wäre es der Mühe werth, bei Freund Fechner in Leipzig anzufragen, welch abnormer psychologischer Zustand diea Sonnen-Seele veranlasst so reichliche Thränen zu vergießen. Unbegreiflich! Damals als Romeo seineb Julia suchte und nur fand um sie zu verlieren, als Werther das verhasste Licht des Tages floh, da mochte sie weinen. Heuer aber, siehe da, mehr als Romeo und Julia – Professor Ernst und Professorin Anna. Jauchze, du ein-||fältige Sonne, tanze du bornirtes Gestirn! Ja, damals als ein Ajax dir Lebewohl sagte, als ein Cato mit brechendem Auge sich von dir abwandte, da konntest du weinen. Aber heuer! Mehr als Ajax – ein Churfürst von Hessen, mehr als Cato, ein preußischer Junker und doch das anerkannte Italien verdauen müssen. Jauchze, du einfältige Sonne, lache ob des Fortschritts der Zeiten, kein Ajax stirbt mehr wie Ajax, kein Cato wie Cato – weils keine mehr giebt.

Aber sie weint – so weine, undankbares Geschöpf, mich aber laß jubeln, daß mein Ernst am Ziele angekommen, d.h. am Ende vom Anfang. Und nun Scherz bei Seite und das betäubende Riechfläschchen hochzeitlicher Vorgefühle fest zugestöpselt! Also, mein geliebter Ernst, ich wohlbestallter ordentlicher Gymnasiallehrer in Minden, eine schmächtige Figur im pressenden Schnürleibe der Reglements, gratulire dem Außerordentlichen Großherzoglich Weimeranischen Professor pp. und dem Großherzoglichen Director des zoologischen Museums zu Jena – (wohl, hier ist ein Gedankenstrich an der rechten Stelle; der neugeborne Professor mit seinen Titeln kommt mir vor wie ein Rebhuhn, das eben ausgekrochen ist und noch Rudimente der Eierschalen || auf seinen Flügeln mitfortschleppt); ja, diese vielen, langen Titel müssen Dir vorkommen, wie Weiberkleider, die um die Beine herumschlampen und das Gehen erschweren.

Genug, ich gratulire Dir, von Herzen, mein theuerster Jugendfreund, und Deiner holden Braut, bald nicht mehr Braut, mit freundlichem Lächeln. Item gratulirt und grüßt meine Braut durch mich das junge Paar; und übers Jahr, übers Jahr, wenn wir Sommerferien haben, aber mein Professor noch Knochenlehre traktirt, sehen wir Euch, indem wir sehr bequem eine Reise zu meinen Eltern in Merseburg damit verbinden können, und ich hoffe, wenigstens in diesem Einen Punkte meinen hochgestiegenen Freunde gleichzukommen, will sagen, Dir ein gleiches Familienglück (Glück sage ich, nicht Segen) präsentiren zu können.

Für Deine freundliche Einladung muß ich leider danken; leider sage ich aus mehr denn einem Grunde. Du stellst den Aufenthalt in Berlin für mich so reizend dar; gewiß, lieber Ernst, was gäbe ich nicht drum, in diesem Kreise Deiner Bekannten einen Nachmittag zu verleben, vielleicht Virchow kennen zu lernen; dazu den Vortheil zu haben mir ganz genau anzusehen, wie ein Muster-Bräutigam || sich bei der Trauung und am Hochzeitstage benimmt, Eindrücke, die gewiß für meinen Hochzeitstag 26. September, ersprießlich wären. Daß ich c den Verkehr mit Dir nicht annähme, versteht sich, denn in diesen Tagen gehört der einzig Deiner Anna. Aber es geht nicht, unsere Ferien beginnen erst am 27. August und vorher kann ich nicht abkommen, vorzüglich da ich Hagen verlasse. – Dasselbe wird von Gandtner gelten, dessen Ferien erst den 17. September beginnen, da in Minden Sommerferien bis zum 28. d Juli sind. Dein Brief an ihn ist bereits besorgt.

Dagegen würde es Dir eine Kleinigkeit sein, mich zu meiner Hochzeit am 26. September in Herford zu besuchen und das Fest zu verschönern, zumal da von meiner Seite nur meine Mutter zugegen sein wird, die ich nach Herford kommen lassen und dann noch einige Wochen in Minden bei mir behalten will. Überlege Dir die Sache, mache mit Deiner jungen Frau einen kleinen Abstecher ins Ravensberger Land, Quartier natürlich bei meiner Schwiegermutter.

Kürzlich habe ich einen Brief von Deiner Frau Mutter bekommen; danke ihr meinerseits herzlich für die gütige Auskunft und melde ihr zugleich, daß ich von ihrem freundlichen Anerbieten, das Porcellan aussuchen zu wollen, Gebrauch machen würde und im Laufe des Augusts das Nähere schreiben würde. Noch einmal herzliche Grüße und Wünsche zu Deinem dauerhaften Glücke von

Deinem Ludwig Finsterbusch.

Hetzer legt ein Paar Zeilen ein. –e

a gestr.: der; eingef.: die; b gestr.: und; eingef.: eine; c gestr.: die; d gestr.: Au; e weiter auf dem linken Rand, quer zur Schreibrichtung: Hetzer legt … Zeilen ein. –

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
23-07-1862
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2326
ID
2326