Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Wustrow, 4. Oktober 1858

Geliebter Ernst!

Wenn mich Deine Verlobung selbst um Deiner höchstdieselbigen Persönlichkeit in ihrem „an und für sicha sein“ nicht auf einen höhern Lehrstuhl der Styl-Blüthe erhöbe: würde ich schon um meiner eignen Genugthuung willen, früher als Du selbst (was übrigens eine ganz riesige Aufschneiderei ist) den heranrückenden Liebes-Kometen am Horizonte Deines innerlichen Gefühlslebens im Sternbild der Jungfrau gewittert zu haben, ich sage diese Genugthuung würde durch den Hinweis auf meine Anlage zur Prophetie mich in einen gelinden Taumel von phrenologischem Hyperbolismus versetzen. Geliebtes altes Haus, der Du trotz Deiner geringen Anzahl von Jahren durch das b Supplement || Deiner bräutlichen Jahre, (i. e. durch die Addition der Lebensjahre Deiner lieben Braut zu den Deinigen) mich als knabenhaften Jüngling hinter Dir liegen lässest, Du schreibst mir: Ich bin ganz glücklich; ich konnte mich nicht enthalten in deiner Seele i. e. zwischen den Zeilen zu lesen: „und so ganz unglücklich, so unendlich viel Briefe schreiben zu müssen.“ Nun, diese Noth hat nun ein Ende, und die ungemischte Freude ist Dein Erbe. Wärst Du mir nicht so lieb, Du Herzensjunge, ich könnte Dich beneiden. Daß sich zwei Seelen in Euch gefunden haben, die einander glücklich machen wollen, dafür bürgt Dein gutes frisches Herz, und das Mädchen, das solches Herz wählen konnte; daß es Euch glücklich gehe, dasc liegt in der Hand des Urquells aller Dinge. Friede, Freude, Glück und Segen das ist der laute Wunsch eines Freundesherzens. Erinnerst Du Dich noch, || wenn wir Göthes Hermann und Dorothea lasen, und wir thaten es öfter, da klangen die Töne eigner Zukunft wie ferner Glockenklang vom weiten d Dorfkirchthurm in stiller heitrer Nacht in unsern Knabenseelen. Dir ist‘s geworden, die Ahnung dunkler Zukunft zu heller strahlender Freude.

In weniger als 14 Tagen sehe ich Dir ins freudeglänzende Auge, den 16. October, Sonnabend Nachmittag werde ich in Berlin ankommen, um dort vier Wochen zu bleiben. Ich nehme Dein freundliches Anerbieten an, bei Deinen lieben Eltern abzusteigen, bis ich mir eine Kneipe gemiethet habe.

Gustav Hiecke mit einem andern Greifswalder Studenten war gerade bei mir, wie Dein Brief ankam; er besuchte mich auf einige Tage; geht übrigens vor Michaeli nach Berlin. Noch einmal: Glück auf. Ich sehe Dich bald.

Wustrow, den 4. Octbr 1858.

Dein Ludwig.

a eingef.: sich; b gestr.: Complim; c korr. aus: daß; d gestr.: Kir

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
04-10-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2321
ID
2321