Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Wustrow, 21. Mai 1858

Mein geliebter Ernst!

Wäre ich Großherzog von Mecklenburg, so hätte ich zu Deinem 18. März die Kanonen des Schweriner Schlosses lösen lassen, – wäre ich ein Vöglein, so flöge ich zur Stunde weg und pickte an a eins Deiner Fenster und guckte Dich mit klaren Äugleins an – klänge es nicht wie ein abgedroschenes Berliner Wortspiel, so riefe ich Victoria. –

Sieh ich bin ein Mittelding, nenne es einen Zwitter b von Philister und Jünger der goldenen Freiheit, ein Keim, ein Ableger, ein Embryo, stecke mir also bei Deiner Siegesbotschaft zur Repräsentation des Philisters eine Tabackspfeife an, (und seufze, daß auch bald dieses edelste der Kräuter besteuert wird.), und trinke zur Repräsentation der aristokratischen Geistesader auf Dein Wohl das Glas Wein || aus, das mir eben zum Frühstück gebracht wird und denke dabei, denn brüllen darf ich nicht, weil die Leute mich dann für verrückt oder verzückt halten, dreimal:

Heil, Heil, Heil

dem Freunde der Jugend Heil;

jauchze in Klopstocks seraphischer Poesie, Rufe mit Göthe: Bald ruhe auch ich – aber auf Lorbern, nicht Lorbeeren; c trete in Gestalt des lieben biedern Möser mit deutschem Gesichtsprofil vor Dich und warne Dich die Welt nicht aus ihren Angeln zu heben, um gleich darauf mit dem Berliner zu eifern, es muß allens ruinirt werden. Und weil ich befürchte bei d anhaltender Geistesspannung dieser Art nicht sowohl vielseitig, als vieleckig zu werden, schließe ich diese Beglückwünschung, die hoffentlich Hörner und Zähne hat.

Freilich muß ich Dich sehen, Du Heupferdchen von ehemals, Du e getrocknetef Grasmücke, Du gepresste Saffranstaude, Du physiologirtes Tausendschönchen; ich muß Dich sehen, sprechen || küssen, d. h. in umgekehrter Reihenfolge, und wenn ich g nach Freienwalde kommen sollte. Denn bleibst Du bei Deinem Vorsatze, so sehe ich Dich in Berlin nicht. Leider habe ich bereits mit einem meiner Correspondenten, d. h. einem Studiengenossen, h den ich auf der Universität nicht leiden konnte, mit dem ich aber seit einiger Zeit ein festes Band der Gesinnungsgleichheit gewebt oder gewoben habe, abgemacht, ihn in Berlin vom 13. bis 18. April zu sehen, i zu welcher Zeit er auch eben nach Berlin kommt, u. glaubte dadurch möglichst dem Zeitpunkte Deiner Erlösung nahe zu kommen. Da jener durch Verhältnisse gebunden ist, muß es bei dieser Verabredung bleiben, und da ich daran halte, ein Mann, – ein Wort, bin ich auch j gebunden. Diese Zeit war mir endlich auch wegen meiner Hallischen u. meiner Merseburgischen Geschäfte am passendsten, wovon mündlich weiter. Demnach denke ich den 13. April mit dem Zuge früh 7 Uhr von Halle abzufahren.

Ich hoffe mit k unmaßgeblicher Schüchternheit, daß Du Deinen Plan ändern kannst, wo nicht –, so sehe ich Dich in Freienwalde auf ein Paar || Stunden und die Kunst wird dann darin bestehen, aus Minuten Stunden zu machen, während in Berlin wir uns die Stunden zu Minuten machen wollen. Welches leichter, welches genußreicher, utrum – an, kann nicht die Frage sein.

Diesen Sonnabend den 27. März treffe ich Abends in Merseburg ein, warum ich Dir da nicht in die Arme fliege? l Ich bin für meinen Bruder durchaus nothwendig, und muß hier m der Pflicht den Vorrang lassen vor des Herzens lautem Wunsche.

Meinen herzlichen Glückwunsch wie auch meine Wünsche für ihr sonstiges Wohlergehen bitte ich Deinen lieben Eltern zu überbringen.

Dein

Ludwig.

Wustrow am 21. May 1858.

Du erlaubst mir wohl, daß ich oben erwähntem Bekannten die Anweisung gebe, seine Adresse an Dich durch die Stadtpost zu überschicken, die er mir sonst zwischen 9. bis 13. April nach Merseburg hätte schicken müssen; wobei sie mich verfehlen könnte, so daß er deshalb n außerdem noch auf dem Bahnhofe zur Sicherheit mich abholen wollte, was dann alles nicht nothwendig, da ich mit Droschke nach der Wilh. Straße fahre.

a gestr.: Dein; b gestr.: zwi; c gestr.: dan; d gestr.: fo; e gestr.: gep; f korr. aus: vertrocknete; g gestr.: in; h gestr.: mit; i gestr.: und habe d; j gestr.: gehalten; k gestr.: an; l gestr.: Ich habe u; m gestr.: die P; n gestr.: auf dem

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
21-05-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2319
ID
2319