Finsterbusch, Ludwig

Ludwig Finsterbusch an Ernst Haeckel, Halle, 15. Februar 1855

Halle am 15. Febr. 1855.

Mein alter Freund!

Noch niemals habe ich diesen Tag übergangen, ohne Dir meine herzlichen Glückwünsche darzubringen. So kann ich auch heute nicht umhin, trotzdem daß unser briefliches Verhältniß nicht bloß ein flaues a, sondern seit unserm letzten Zusammentreffen in vergangenen Osterferien geradezu auf den Nullpunkt gesunken war, mich als ein seltener Gast in die Reihe der Gratulanten einzudrängen. Ich würde Dir die Erfüllung aller Deiner Wünsche wünschen, wenn ich nicht aus alten Zeiten wüsste, mein lieber Ernst, daß Du bisweilen Dein Köpfchen für Dich hättest. Fülle jugendlicher Kraft und Gesundheit, Frische des Geistes und Willensenergie, gründliche Befriedigung aus Deinem Studium, den göttlichen Beistand in Deinen geistigen Bestrebungen und den Wünschen für die spätere Wirksamkeit, das das alles wünsche ich Dir im liebenden Andenken vergangener Tage, im Andenken gemeinschaftlicher || Freuden, gemeinschaftlicher Gelübde, im Andenken genossener Wohlthaten. Heute wünsche ich Dir alles dies, so recht aus dem innersten Grunde meines Herzens, wo ich selbst dieser reichen Schätze in vollem Maaße bedarf, da ich im Begriff stehe, einen Schritt weiter vom Vaterhause und zu größerer Selbständigkeit zu thun, und Pflichten und eine Verantwortlichkeit zu übernehmen, deren Schwere unter b ungünstigen und schwierigen Verhältnissen mich drückt.

So sehr ich die Ungehörigkeit fühle, in einem Glückwünschungsbriefe, wenn auch dem theilnehmenden Freunde, die eigenen Verhältnisse zu exponiren, so finde ich doch mit Hülfe des Hegelianischen Sophistificismus einen Grund zur Beruhigung in Deiner heutigen Tagesaufgabe, nämlich Briefe zu lesen.

Ich habe nämlich in Roggow bei Neu-Buckow in Mecklenburg bei der Frau v. Oertzen eine Hauslehrerstelle von Ostern an übernommen. Gerade als ich den Brief von dort erhielt, welcher die Unterhandlungen abschloß, war Bernhardt Simon (der übrigens nächste Woche sein Abitur-Exam. macht) bei mir, u. versicherte mir, sein Herr Vater kenne diese Dame sehr gut. Darauf hin || schlendere ich Tages darauf nach Mözlich, fand mich aber in meiner verfrühten Freude getäuscht, da weder der Ort (Roggow), noch die Familienverhältnisse (die Dame ist Wittwe) zu jener stimmen wollte, welche der Herr Pastor zu kennen die Ehre hatte, denn diese wohnt bei Neubrandenburg. Trotzdem vermuthet er eine nahe Verwandtschaft u. hat mir gerathen, bei meinem nächsten Aufenthalte zu Merseburg mich bei Fräulein von Debitz zu erkundigen. Es sind 3 Mädchen von 12, 10 u. 7 Jahren, u. ein Knabe von 9 Jahren da; letzterer soll bei mir wohnen, erstere den Unterricht auf der Stube der Dame erhalten. Außerdem ist eine junge Engländerin da, welche englischen, Zeichen- u. Musikunterricht ertheilt. Das Honorar beträgt 200 rℓ. Die Schwierigkeit liegt weniger im Unterricht, da ich bereits seit Michaeli sowohl auf der deutschen Schule der Franckeschen Stiftungen, als auch durch die Güte des Director Kramer, in Sexta des Pädagogiums, natürlich in beschränktem Maße, unterrichtet, mich auch sonst ziemlich viel mit pädagogischen Fragen beschäftigt habe. Vielmehr liegt sie einmal darin, daß ich mein Examen noch nicht gemacht habe, c auf der anderen Seite || aber zum größten Theil darin, daß der Vater jener Familie entrissen ist, und ich also in dieser Hinsicht dem Knaben gegenüber auch die schwierige Aufgabe der Erziehung im engeren Sinne übernehme und ganz allein die Einflüsse männlicher Umgebung zu vertreten habe. Freilich verspreche ich mir auch, wenn ich meine Aufgabe mit Gottes Hülfe löse, für mein künftiges Wirken als Gymnasiallehrer eine unendlich bessere Vorschule als der Philologe in der Regel durch das einfache Probejahr zu erhalten im Stande ist.

Anderweitige Neuigkeiten werden Dir durch Ernst Weiß zugehen, mit dem ich diesen Sommer einmal eine gemüthliche Parthie nach Lützschena machte. Grüß doch Otto Wiegner, und wenn Du ihn treffen solltest.

Schließlich wünsche ich noch, daß der Himmel Dir Deine lieben Eltern noch recht lange erhalte.

Dein

alter Jugendfreund,

Ludwig Finsterbusch

(Moritzthor 5)

a gestr.: ist; b gestr.: so; c gestr.: und

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-02-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 2315
ID
2315