Rautenfeld, Paul von

Paul von Rautenfeld an Ernst Haeckel, Wiesbaden, 24. März 1914

Wiesbaden, d. 24. März 1914.

Hochgeehrter Herr Professor!

Ich statte Ihnen meinen herzlichsten Dank ab für Ihren liebenswürdigen, teilnahmevollen Brief vom 13ten dieses Monats und die zugleich mit ihm übersandten Broschüren und ausgezeichneten Bilder von Ihnen.

Was den Verlust meiner teuren Mutter mir so unaussprechlich schwer zu ertragen macht ist die abschiedslose Trennung von ihr nach über fünfjähriger Abwesenheit in China. Wir beide sehnten uns so sehr darnach uns zu guter Letzt noch wiederzusehen und auszusprechen, und nun || bleibt mir die tief schmerzliche Erinnerung fürs ganze Leben, daß unser beider sehnlichster Wunsch nicht hat in Erfüllung gehen und durch meine zu späte Heimkehr der qualvolle Tod meiner armen Mutter keine Erleichterung hat finden können. Das Leben kommt mir jetzt wie ein schwerer, trauriger Traum vor, den nur mein, durch Sie, hochverehrter Herr Professor, geschulter philosophischer Sinn mich mit Fassung ertragen läßt.

Die oben erwähnten Broschüren haben mich sehr interessiert. Ihre beiden schönen Aufsätze waren mir noch nicht bekannt. Auch die Artikel in der „Neuen Weltanschauung“, sind sehr wahr und ganz besonders Professor Maurer’s Vortrag verdient die weiteste Verbreitung.

Ich werde mich mit der Asche meiner || Mutter, deren Leichnahm ihrem Wunsch gemäß im hiesigen Krematorium gleich nach meinem Eintreffen in Wiesbaden eingeäschert wurde, im übernächsten Monat nach Riga begeben und darauf Mitte oder Ende Juli wieder herausreisen, um in Tarasp meine recht angegriffene Gesundheit so weit wie möglich herzustellen. Um jene Zeit werde ich mir noch das Vergnügen machen Sie und Ihre Frau Gemahlin auf einen Tag in Jena zu besuchen und ich könnte dann vielleicht auch die weiteren, mir gütigst von Ihnen versprochenen Dokumente zu Ihrem 80ten Geburtstag persönlich entgegennehmen.

Es hat mich sehr gefreut in den Zeitungen über den schönen Verlauf Ihrer Geburtstagsfeier zu lesen und von Ihnen zu hören, daß Sie den Tag so angenehm || bei Ihrer Frau Tochter in Leipzig verbracht haben. In Bezug auf meine Spende für Wissenschaft und Kunst sollen natürlich in jeder Beziehung Ihre Wünsche maßgebend sein. Es wird mich sehr interessieren das phyletische Museum in Augenschein zu nehmen, dessen innere Einrichtung ich noch nicht kenne.

Mit meiner besten Empfehlung an Ihre Frau Gemahlin verbleibe ich, hochgeehrter Herr Professor,

Ihr Ihnen ganz ergebener

P. v. Rautenfeld

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
24-03-1914
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 22320
ID
22320