Rautenfeld, Paul von

Paul von Rautenfeld an Ernst Haeckel, o. O., 25. Juni 1907

SteamShip KOREA, den 25. Juni 1907

Hochgeehrter Herr Professor.

Wenige Tage vor Antritt meines Heimatsurlaubs hatte ich das Vergnügen Ihren liebenswürdigen Brief vom 18. Februar mit Einlage zu erhalten. Ich hatte leider vorher nichts von Ihrem interessanten Plane ein „Phyletisches Museum“ in Jena zu begründen gehört und ich bin daher mit meinem bescheidenen Beitrage für dasselbe arg post festum gekommen. Vielleicht wird er aber || doch noch Verwendung finden können.

Auch war ich – fern von Europa – nicht genügend über das Datum Ihres goldenen Doktorjubiläums orientiert und ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich erst jetzt nachträglich Ihnen meinen besten Glückwunsch zu demselben hiermit sende.

Ich befinde mich gegenwärtig auf dem Wege von Yokohama nach San Francisco. In Japan hatte ich mehrere Wochen auf einen Dampfer mit freier Kabine nach Nord-Amerika zu warten und benutzte soweit die Zeit, || um unter anderem auch die biologische Station der Universität Tokio am Fjord von Aburatsubo zu besuchen. Von einem befreundeten japanischen Herrn, Professor Djima vorgestellt, erhielt ich von letzterem die Erlaubnis in den europäisch eingerichteten Fremdenzimmern des Stationsgebäudes zu wohnen und auch seine in der Nähe auf einem bewaldeten Hügel gelegenen Privatvilla zu benutzen.

Da während der drei Tage meines Aufenthaltes in Aburatsubo Meer und Wetter nichts zu wünschen übrig ließen, so konnte ich mit Professor Djima‘s a || erfahrenen Kollektor, dem bekannten Kuma, erfolgreich dredschen und die Felsen im seichten Wasser mit Guckkasten und Gabel absuchen. Am meisten in Erstaunen versetzten mich da die großen langstrahligen Diadematiden mit ihren strahlend blauen Streifen auf dem Körper. Ich hatte Professor Franz Doflein’s ausgezeichnetes „Ostasienfahrt“ zur Hand und wollte gern auch einen Tiefseefang mit der in obigem Werke erwähnten Dabo-Leine versuchen, leider fehlte mir aber die Zeit dazu.

Nach Yokohama zurückgekehrt, begab || ich mich zu Herrn Alan Owston, einem naturwissenschaftlich sehr gebildeten Sammler und Händler von Naturalien und ich konnte beim Anblick seiner reichhaltigen Sammlung nicht umhin ihn zu beauftragen Ihnen, hochgeehrter Herr Professor, eine, wenn auch leider nicht sehr vollständige Kollektion von Meerestieren aus der berühmten Sagamibucht als ferneren Beitrag von mir für Ihr „Phyletisches Museum“ zu senden.

Außerdem hat Herr Professor Djima, welcher mir mitteilte, daß er das Vergnügen hatte Sie seiner Zeit in Jena || kennen zu lernen, es sich nicht nehmen lassen wollen Ihnen durch mich dem seiner Zahnbildung wegen interessanten Tiefseehai Chlamydoselache anguinea Garm. als Geschenk zu übersenden, dem dann noch Herr Alan Owston ein Ei mit Embryo von demselben Tiere mit bestem Gruß hinzugefügt hat.

Ich erlaube mir diesem Briefe eine genaue, von Herrn Alan Owston ausgeschriebene Liste meiner oben erwähnten Sendung beizufügen, die von mir selbst gefangenen Meerestiere sind auf derselben nicht genauer angeführt, da || sie nicht zu den Seltenheiten der Sagamisee gehören.

Die in Alkohol befindlichen zarteren Tiere dürften vielleicht am besten, ehe sie in Glasgefäße permanent untergebracht werden, in eine tiefe, mit Wasser gefüllte Schale vorsichtig ausgeschüttet werden.

Die Frachtgebühren von Hamburg nach Jena für die drei in Frage stehenden Kisten mit Naturalien habe ich leider in Yokohama nicht ermitteln können, ich bitte daher um Entschuldigung, wenn ich sie erst nachträglich berichtige. ||

Ich hoffe, daß Sie, hochverehrter Herr Professor, mit befestigter Gesundheit aus Italien wieder zurückgekehrt sind und daß ich das Glück und die Ehre haben werde Sie diesen Herbst in Jena wiederzusehen.

In aufrichtigster Verehrung

Ihr ganz ergebener

P. v. Rautenfeld

a gestr.: er

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
25-06-1907
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 22293
ID
22293