Rautenfeld, Paul von

Paul von Rautenfeld an Ernst Haeckel, an Bord der S. S. Clyde, 9. Oktober 1893

An Bord der S. S. Clyde, d. 9. Oktober 1893.

Hochgeehrter Herr Professor,

Da nunmehr Ceylon hinter mir liegt, eile ich Ihnen nochmals meinen besten Dank für Ihr Empfehlungsschreiben an Dr Trimen abzustatten. Dasselbe ist mir von unschätzbarem Nutzen gewesen. Der Direktor des herrlichen Gartens zu Perademia empfing mich nicht nur überaus freundlich, sondern gab mir auch Einführungsbriefe an Regierungs- und Forstbeamte, die ihrerseits wieder, es an aufrichtigster Gastfreundschaft nicht fehlen ließen. Was meine Streifzüge durch die Insel betrifft, so hatte ich sie wesentlich verändern müssen. In Randy angekommen, || wurde mir im dortigen Hôtel von allen Seiten dringend abgeraten ins Hochland zu gehen, da es dort ununterbrochen regnete und von der Besteigung des Adams-Piks keine Idee sein könnte. Als Doktor Trimen, welchen ich tagsdarauf besuchte, dieselbe Ansicht aussprach, entschloß ich mich den Ausflug ins Gebirge aufzugeben und mich stattdessen nach Anuradhapura zu begeben. Dr Trimen billigte vollkommen diesen Plan und versah mich mit Briefen an den „Gouvernements -Agent“ Mr. Nevill und an Mr. Bell, welcher letztere die Ausgrabungen in der Stadt leitet.

Ich fuhr nun von Randy zur Bahn in einer Stunde nach Matale am nächsten Morgen ¼7 Uhr in dem Mail-Coach nach Anuradhapura, wo ich ½6 Uhr nachmittags eintraf. Der Weg führte von Nalanda an, fast ununterbrochen durch Djunglewildnis, welche auf mich, in Folge der gerade herrschenden großen Dürre, sehr deprimierend wirkte. Ein unbeschreibliches Gewirr trockener Äste und Kletterpflanzen erfüllte den Busch-||wald. Das dichte Laub hing schlaff und welk von den Sträuchern und Bäumen herab und a die zahlreichen, oft recht breiten Flüssen [!] wiesen, bis auf den Malvathu, keinen Tropfen Wasser auf. Mächtige Euphorbienbäume, knorrigen hohen Kirchen nicht unähnlich, zeigten sich häufig am Wege sowie die Ficusdendroiden, welche mit ihren schlangenartigen Wurzeln bisweilen Felsblöcke umklammert hielt, während durch das Gitterwerk ihres Stammes ein toter Baum zum Vorschein kam, über den die Mörderin ihre weite Krone ausbreitete. Ab und zu passierten wir Stellen, wo die Eingeborenen Tschena-Kultur betrieben. Die Glut, welche sich dann über die Landstraße verbreitete war kaum erträglich; alleine unsere in fliegendem Galopp dahineilenden Postpferde brachten uns immer rasch aus der unangenehmen Lage.

Sehr unterhaltend auf dieser Fahrt durch das Djungle waren die mannigfaltigen Schmetterlinge, Eidechsen, Vögel und Affen, welche sich überall zeigten. Auf einem späteren Ausflug nach Mihintale zählte || ich mit Mr Nevill, den Tag über, gegen hundert schöner Manderus (Semnopithecus priamus), welche teils in großer Schar über den Weg liefen, teils auf den Bäumen umhersprangen. Es rannte uns auch eine kleine Heerde Wildschweine quer über die Straße. In nächster Nähe von Anuradhapura befanden sich, während meiner Anwesenheit daselbst, zwei Heerden wilder Elephanten, welche ich jedoch vergebens zu Gesicht zu bekommen versuchte. Die Tiere sind jetzt so scheu, daß es eines weitläufigen Kriegsplanes bedarf, um sie zu überraschen.

Nachdem ich vier Tage, meist in Begleitung von Mr Nevill, die interessanten uralten Ruinen Anuradhapuras studiert und die großen Tanks besucht hatte, begab ich mich ziemlich direkt nach Punto-Galla. Unterwegs besuchte ich den berühmten Felsentempel zu Dambula und machte noch in Perademia einen kurzen Abschiedsbesuch bei Dr Trimen. Es wird Ihnen, Herr Professor, vielleicht nicht bekannt sein, daß letzterer seit ungefähr einem Jahre stark taub ist. ||

Sein überaus liebenswürdiges Wesen läßt jedoch die schriftliche Unterhaltung mit ihm keineswegs lästig erscheinen.

Punto Galla und seine Umgebung habe ich über alles Erwarten schön gefunden. Mr Alexander, der Kronsförster, welcher in der „Villa marina des Kapitän Bayley“ lebt und an den ich durch Dr Trimen empfohlen war, nahm mich sehr liebenswürdig auf in seinem schönen Bungalow. Wir unternahmen zusammen Bootsfahrten auf dem Kogalla-Wewa und Gindura-Ganga und ferner einen Ausflug in den zehn Meilen von Galla entfernten Urwald von Kotawa. Leider hatte ich keine Zeit den Boralu-Wewa zu besuchen, doch hoffe ich diese Excursion sowie die Besteigung des Adams-Piks ein anderes Mal ausführen zu können. Unvergeßlich werden mir die herrlichen Tropenbilder der Südwestküste Ceylons bleiben. Ich habe alles genau so gefunden wie Sie es, hochgeehrter Herr Professor, in Ihren indischen Reisebriegen schildern. Freilich habe ich nur || einen geringen Teil des Gebietes kennen gelernt, welches Sie bereist haben und bin daher nicht im Stande die großen Veränderungen der letzten zehn Jahre zu konstatieren. Der wunderschöne Palmenwald der Westküste mit seinen idyllischen Singhalesenhütten dürfte wohl immer derselbe bleiben.

Sie entschuldigen, hochgeehrter Herr Professor, die Länge meines Briefes, doch konnte ich nicht umhin, zugleich mit meinem nochmaligen Danke für Ihr sehr liebenswürdiges Entgegenkommen Ihnen auch das glückliche Gelingen meiner indischen Reise mitzuteilen.

Genehmigen Sie, Herr Professor, den Ausdruck vorzüglichster Hochachtung von

Ihrem ganz ergebenen dankbaren

Paul von Rautenfeld

a gestr.: in

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
09-10-1893
Entstehungsort
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 22273
ID
22273