Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 24. November 1855

Halle, am 24. November 1855.

Lieber Freund!

Es ist seit langer, langer Zeit wieder das erste Mal, daß ich mich hinsetze um an Dich zu schreiben. Du magst wohl staunen, wenn ich es immer wieder versuche, mich an Dich heranzudrängen; aber sieh’ einmal, lieber Ernst, es wäre doch Jammerschade, wenn zwei Menschen, die so manche fröhliche und traurige Stunde zusammen genossen haben, sich sobald schon vergessen sollten, wenn ein Paar Jahr schon hinreichen sollten, um alle gemeinschaftlichen, bis in die frühste Kindheit sich verlierenden Erinnerungen zu verlöschen. Das soll mit meinem Willen nie, wenigstens nicht so leicht, geschehen. Die Anzahl wirklicher Jugendfreunde, d. h. solcher mit denen wir noch in Jacke und Knöpfhose, „Haschen“ und „Verstecken“ gespielt haben, wird mit jedem Jahre kleiner und man darf sich darum die wenigen, die man noch besitzt, nicht entlaufen lassen. Aus diesem Grunde, alter, ich kann wohl sagen ältester Freund, wirst Du es wohl begreiflich finden, wenn ich vielleicht noch öfter ex improviso Dir eine Epistel an den Hals werfe. Ich habe schon manchmal darüber nachgedacht, warum sich unsrer beiden Gedanken, die sich doch oft genug von ihrem trägen Cadaver losmachen mögen, auf ihren luftigen Spaziergängen noch nicht einmal getroffen haben, sich die Hände geschüttelt, guten Tag gewünscht etc. etc. Besuchen sie doch sicherlich öfter die nemlichen Orte, wäre es auch nur Vater Osterwald’s Haus. Ich kann den Grund davon nur darin finden, daß sich dieselben nicht mehr kennen. Fast 4 Jahre lang haben wir uns nicht ge- wenigstens nicht ausgesprochen, wir sind beide älter und hoffentlich wenigstens, klüger geworden, und eine längere Reihe von „geistigen Wiedergeburten“ hat uns gänzlich unkenntlich gemacht. Was meine Wenigkeit betrifft, so kann ich Dir meinen ganzen jetzigen Standpunkt mit ein Paar Worten bezeichnen. Ich bin Schulmeister, da hast Du in wenig Worten das ganze, glänzende Resultat von 4 Studienjahren, a und male es mit Deiner Phantasie etwas aus. Kann man sich einen Schulmeister wohl anders vorstellen als: lang und dürr, blaßes Gesicht mit kleinem Bart, Brille, ernsthafte gesetzte Miene und ein pädagogischer Blick, in dem eine ganze Legion von Haselstöcken, Ohrfeigen, Erbsensäcken, Strafarbeiten pp. liegt. Kommt dazu noch ein abgeschabter Hut und Schulrock und ein langsamer gemeßner Gang, der nur Mittags sich in einen stürmischen Geschwindschritt sich verwandelt, so ist das Bild vollkommen fertig. Genau so mußt Du Dir meine Person vorstellen, wenn ich in die Schule und von da zur „Fütterung“ laufe. Du wirst gewiß auch fragen, ob mir denn mein neuer Stand so sehr gefällt. Das ist nun freilich etwas andres. Wenn ich die Sache im Großen und Ganzen ansehe, so kann ich nichts b weiter antworten, als daß ich mich als Lehrer leidlich wohl befinde, aber freilich darf ich hier nur an die allgemeine ehrwürdige Aufgabe des Lehrerstandes denken; komme ich hingegen nun zu den Specialitäten, so kann ich wohl sagen, daß der Lehrerstand der letzte sein würde, den ich wählen würde, wenn || mir anders die Wahl freistünde. So schön es sich von einer allgemeinen Volksbildung pp. schwatzen lässt, so langweilig ist es c, wenigstens für mich, ein ganzes Halbesjahr in wöchentlich 2 Stunden über nichts weiter zu reden, als über die allgemeinen Eigenschaften der festen flüssigen und luftförmigen Körper, ein Gegenstand, der in den physikalischen Lehrbüchern einen Raum von 10–12 Seiten einnimmt; dazu kommt die Faulheit und Rohheit der meisten Realschüler, die einem wegen des ewigen Strafens das Schulehalten recht verleiden. Unter solchen Umständen, wirst Du wohl einsehen, kann man unmöglich seine Stunden mit Lust und Liebe halten, und die armen Patienten, die Dir unter die Hände gerathen, sind wahrhaftig nicht so sehr zu bedauern, als die Schüler, die von mir was lernen sollen. Zu einer wirklichen Last wird mir das Schulehalten jetzt nur dadurch gemacht, daß ich soviel an andre und wichtigere Sachen zu denken habe, das sind meine Examensarbeiten, über denen ich nun schon seit Michael vergeblich brüte. Meine mathematische Aufgabe besteht in der Untersuchung der Bewegung eines Rotationspendels, und die philosophische in einer d „kritischen Darstellung der Hauptmomente der philosophischen Atomenlehre Fechners“. Namentlich erstere macht mir viel zu schaffen und ich weiß nicht, ob ich noch bis Ostern, wie ich mir eigentlich vorgenommen, fertig werden kann. Hoffen wir indeß das Beste. Du siehst, mein jetziges Loos ist nicht das angenehmste, und oft sehne ich mich recht herzlich in mein gläsernes Königreich, unter meine Retorten und Flaschen pp. zurück. Ich habe mir auch vorgenommen, sobald ich mit dem Examen fertig bin, zur Belohnung für mich noch ein paar Wochen mich im chemischen Laboratorium, welches ich seit Ostern nicht wieder betreten habe, zu beschäftigen. Der lange Weber, der jetzt, e nachdem der kleine Weiß uns verlaßen, mein einziger und täglicher Umgang ist, hat mich auch wieder für den naturwissenschaftlichen Verein gewonnen, und ich bin jetzt, zu meinen Lobe kann ich’s sagen, ein fleißiger Mitarbeiter an unsrer Zeitschrift geworden, habe auch im Verein selbst schon einige kleinere Vorträge gehalten. Dieß sowie die Vorträge im physikalischen Seminar machen meine Beschäftigungen in den Mußestunden aus.

Jetzt, lieber Freund, kennst Du mich wieder vollständig. Andre Pläne und Wünsche, als solche, die sich unmittelbar auf mein Examen beziehen, habe ich nicht und mein ganzes übriges Leben ist im höchsten Grade einförmig.

Von Neuigkeiten, die Dich interessiren könnten, theile ich nur die eine mit, nemlich den am 21 October in Leuna bei Merseburg erfolgten Tod unsres Schulgenossen, des Malers Gruner. Ich habe ihn vor seinem Tode sehr oft besucht und kann Dir seine in jeder Beziehung außerordentlichen Talente nicht genug beschreiben. Daß Steidel Fritzchen nach Sebastopol echappirt ist, weißt Du wohl schon, sonst könntest Du sein sehr gelungenes Signelement im Amtsblatt der Merseburger Regierung nachlesen. Lebe recht wohl und denke auch zuweilen an Deinen treuen Freund

W. Hetzer.

Es schlägt 11, ich gehe gleich zur Schule!!!

O Jammer!

a gestr.: wenn; b gestr.: am; c gestr.: hie; d gestr.: Unt; e gestr.: meinen

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
24-11-1855
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21566
ID
21566