Hetzer, Wilhelm

Wilhelm Hetzer an Ernst Haeckel, Halle, 12. Februar 1854

Halle am 12.2.54.

Mein lieber Freund!

Mit großem Bedauern und um ganz offen zu sein, nicht ohne einigen Unwillen, habe ich Deinen letzten Brief an den kleinen Abiturienten (!!) Weiß gelesen. Ich bin mächtig erschrocken über Deine Sinnesänderung in Betreff der Botanik, und es thut mir nur leid, daß ich dieselbe nicht billigen, noch viel weniger theilen kann. Warum willst Du so plötzlich nichts mehr von der Botanik wissen? Du sagst selbst „weil man sein Lebelang doch nicht bloß sammeln kann“. Ei warum denn nicht? Ich verstehe nicht viel von Botanik, aber doch immer noch genug, um einzusehen, daß man nicht bloß sammelt, um zu sammeln d.h. um die Pflanzen in Papier zu wickeln (diese Redensart ist gestohlen), und sie in einer müßigen Stunde wieder durchzublättern, sondern daß vielmehr das Sammeln nur a die untergeordnete Stufe ist zu einem Zweige der Botanik, der seit Kurzen erst existirend, dennoch an allgemeinen Interesse allen andern wenigstens gleichsteht, ich meine die Geographie der Pflanzen. Welche Menge der interessantesten Aufgaben liegen da noch vor! Aufgaben, deren Lösung nur möglich ist, wenn man, wie Du, so viel als möglich Florengebiete selbst genauer kennt. Als Beispiel nur eins. Verbinde einmal alle Standorte einer seltneren, charakteristischen Pflanze durch Linien (auf einer geographischen Karte nemlich) so wirst Du im Allgemeinen eine Curve erhalten, deren Untersuchungb von der größten Wichtigkeit sind. Fällt sie z.B. mit einer der climatischen Linien (Isothermen, Isochin. etc) zusammen, oder nicht; oder erleidet sie gesetzmäßige Änderungen, Störungen gleichsam, durch eine solche; liegen die einzelnen Standorte auf gleicher Höhe über dem Meeresspiegel, haben sie gleiche geognostische Beschaffenheit, ist die Regenmenge im Jahr, Monat pp. dieselbe oder nicht, und so weiter u. s. w. Wie mit den einzelnen Pflanzen, kann man es auch natürlich mit ganzen Familie machen und so ergeben sich eine Legion von Fragen, zu deren Beantwortung ein Menschenleben wahrlich nicht zu lang ist. Du wirst selbst zugeben, daß man selbst gesammelt, eifrig gesammelt haben muß, ehe man sich an solche Sachen wagen darf. Ich armer Kerl, der ich nie aus Halle und Merseburg rausgekommen bin, würde mich hier ganz vergeblich anstrengen, aber für Dich, der Du trotz Deiner Jugend, den größten Theil von Deutschland schon selbst bereist hast, wäre es ein rechtes, weites Feld. – Und wenn Du zu solchen Untersuchungen keine Lust hast giebt es denn nicht (die Systematik überlaß den Bücherwürmern und „Haarspaltern“) eine mikroscopische Anatomie und Physiologie, Felder auf denen man mit Mitteln, wie sie Dir zu Gebote stehen, noch manches c leisten kann? Aber auch hierauf scheinst Du nicht gut zu sprechen, der genaue Grund ist mir wieder entfallen, aber wenn mir recht ist, war etwas „von eigentlich wenig wissen etc“ dabei. Bester Freund! In welcher Wissenschaft weiß man denn mehr! Physiker, Chemiker, d Astronom und wie || die „Handwerker“ (so benannte sie neulich einer unsrer größten theologischen Professoren) alle heißen e mögen, keiner weiß, ebensowenig wie der Physiolog, das Warum, den letzten Grund der Erscheinungen. Eine „Kraft“ nennen sie ihn und gar mancher f will mit diesem Worte sich das Geständniß der Unwissenheit ersparen. Doch was ist g Kraft? Ein leeres, todtes Wort, für ein unbegriffnes und unbegreifliches Etwas. Auf einer solchen, mystischen Grundlage ruht das so oft bewunderte Gebäude der sämmtlichen Physik im weitesten Sinne. Darum wundre Dich nicht, daß man auch in der Botanischen Physiologie mit einer Kraft, Lebenskraft, abgespeist wird, wenn man einmal nach dem Warum fragt. Mikroskopire nur immer zu, und wenn Du auch dadurch nichts weiter lerntest, als das eine, Sehen. –

Ich komme jetzt zu etwas andern nemlich zu dem moralischen Katzenjammer (sit venio verbo) den Dein letzter Brief verräth. Ich glaubte wirklich einen alten witzsüchtigen Engländer zu hören, und nicht unsern lebens-frischen und -frohen E. H. Du beklagst Dich über den trostlosen Geist, der jetzt alle Stände beherrscht; Du hast vollkommen Recht, aber gab es denn nicht in allen Jahrhunderten Phasen, wo „etwas faul war im heiligen römischen Reiche“? Unsre Zeit ist krank, krank am innersten Herzen, aber es konnte nicht anders kommen; h es ist eine Folge der blasirten Ueberkultur; sie konnte uns nicht erspart werden, diese traurige Erfahrung, damit wir endlich auf den richtigen Weg gelangen zu der Quelle, die allein unser verrottetes Jahrhundert aus seinem Verfall retten kann und wird zur Natur. Wenn der Sinn des Volkes hierfür erst wieder eröffnet ist, wenn es Respect bekommt vor ihrer „stillen Größe“, vor jenem ernsten, erhabenen Charakter, den keine Kultur zu verwischen vermocht hat, dann, glaube mir, bricht eine neue Zeit an. Die Aufgabe der Naturwissenschaften, unsre Aufgabe ist es, jeder in seinem Kreise den neuen Geist zu erwecken und zu stärken. Wir sind noch weit, weit von jenem erhabenen Ziele entfernt, trotz aller der Herren Skribenten, die jetzt die Welt mit populären Darstellungen überfluthen, aber wir müssen es erreichen, oder wir müßteni dem Gott fluchen, der uns zu diesem Elend und Jammer geschaffen hat. – Fasse Muth! Bemitleide j die armen bornirten Kerl’s, aber verachte sie nicht, suche sie vielmehr anders zu machen. Man wird Dich einen Simplen, im günstigsten Falle einen Kauz nennen, aber wenn es Dir auch nur bei Einem gelingt, dann hast Du Deine Aufgabe erfüllt. Will Dir ja einmal über unsre elenden Zustände die Galle überlaufen, dann giebt es ja auch noch ein Asyl, wo Du ächte Originalität, Freiheit finden kannst; dieß Asyl ist das Studententhum, die „grünende Insel im Meere des Philisterthums“, wie es Leo (!!), unser derzeitiger Prorector magnificus neulich nannte. Unter den Studenten findest Du allein, und zwar aller Orten, noch wahrhaft natürliche Geister, die von der Kultur nicht abgeschliffen, aber deshalb auch nicht polirt sind, sie scheinen auf den ersten Anblick oft roh, aber sie haben einen festen, gediegenen Charakter, eine Gesundheit in ihren Ansichten, und endlich eine so ungebundene, frische Heiterkeit, daß einem unwillkührlich das Herz aufgeht. Wenn Dir das Glück eine solche Natur in den Weg führt, dann lege alle Rücksichten auf Convenienz pp. bei Seite, mache die tollen Streiche mit, (Du wirst das richtige Maaß nie überschreiten) und sei versichert, die Erinnerung an diese heiteren Stunden wird Dir noch manche Wunde heilen; ich habe es an mir selbst erfahren. – Du || wirst manches von dem bisher Gesagten für bloße Phrase halten, Du wirst vielleicht deshalb darüber lachen, aber – die Hand auf’s Herz, – so offen wie Du gegen Weiß, und somit gegen uns alle, gewesen bist, so offen bin ich es gegen Dich gewesen, ich habe Dir meine innerste Ueberzeugung geschrieben, nun lache noch, wenn Du kannst.

Endlich will ich Dich noch in Einem zu trösten versuchen, was Dich vielleicht am nächsten angeht, nemlich über Deine eigne Zukunft. Da muß ich Dich nun zunächst bitten, daß Du nicht in den Irrthum verfällst (dem Du vielleicht schon verfallenk bist) Dich für den unglücklichsten Menschen auf der Welt zu halten. Was ist denn nun am Ende das große Unglück, dem nicht abzuhelfen ist? Du mußt Medicin studiren gegen Deine Neigung. Das ist freilich schlimm! Aber bedenke erstlich, daß es nur zu Deinem eignen besten ist. Sanguinische Gemüther, wie Du, bedürfen eines unerschütterlichen Gegengewichts, damit sie nicht bloß in Phantasien leben, sondern damit auch sie den Ernst des Lebens fühlen lernen. – Ferner, geht es denn uns besser? Müssen wir nicht auch die uns manchmal recht verhaßte Mathematik studiren, nur um einmal eine nothdürftige Stelle in der Welt einzunehmen? Du wirst gleich mit uns tauschen wollen, nicht wahr? Ich glaube es Dir, auf die Paar kurzen Studentenjahre! Aber dann kommt eine lange, lange Zeit, die Du uns nicht abnehmen wirst. Wenn Du Deine, ich gebe es immer zu, viel schwierigeren, ekelhafteren pp. medicinischen Studien vollendet hast, dann kannst Du alles von Dir werfen, kannst frei und ledig leben, Dich ganz Deinen Lieblingswissenschaften in die Arme werfen; wir hingegen müssen die Bürde eines unangenehmen Berufes l unser ganzes Leben hindurch tragen, nur wenige Stunden wöchentlich können wir unserm Amte stehlen, um auch einmal freier aufzuathmen und frische Kräftem zun neuer Arbeit zu schöpfen. Darum fasse neuen Muth, sei ein Mann, o lerne für jetzt entsagen, überwinde Dich selbst, das lockende Ziel ist wohl einer sechsjährigen Anstrengung werth. – p Zuletzt sprichst Du noch von den vielen Täuschungen, die Du erfahren hättest und die Dich gar sehr niederzuschlagen scheinen. Die Erfahrungen muß jeder machen, damit er lernt, was Leben heißt. Ich gebe es zu, sie fallen dem einen viel schwerer als dem andern, aber q man kann sich immer leicht wieder trösten, ein bischen Ueberlegung mit ruhigen Blute bringt einen bald wieder auf den richtigen Weg. Hast Du hingegen schon jemals Bekanntschaft machen müssen mit jenen Sorgen, gegen die auch der kälteste Verstand nicht Stand zu halten vermag? weißt Du, was Nahrungssorgen sind? Du wirst lachen „was das sei das tägliche Brot gegen den Schmerz Deines innern Zwiespaltes“ etc. Ja schöne Seele, das sagst Du „die Du satt bist“. Ein, zwei Tage läßt man sich eine Hungerkur gefallen; aber, ich habe auch diese bittre Erfahrung gemacht, wochen-, monatelang immer wieder von Neuem den bittern Kampf um das bischen Essen und Trinken kämpfen zu müssen, das zernagt den Geist mehr als alles andre auf der Welt. Ich habe den gemeinen Arbeiter beneidet, der sich durch seine Arme Brot verdienen darf, ich habe die Convenienz verflucht, die mir verbot, auf der Straße Holz zu hacken. Da hilft nicht r „Trösteinsamkeit“ Waldmeisters Brautfahrt etc, nicht Schiller noch Göthe; überall hin verfolgen Einen diese Sorgen-Gespenster. In einer solchen Verzweiflung kam mir zuerst der Gedanke, daß mir hier nur ein Buch helfen könne; ich mußte es haben, verschiedene Versuche, es zu kaufen, zu verdienen pp. waren erfolglos nur ein Mittel, so verzweifelt wie meine Lage, blieb mir übrig. Ich schrieb selbst an Alexander von Humboldt; und der edle, || vortreffliche Mann erhörtes meine im Grunde unverschämte Bitte. Von dem Augenblicke an, wo ich zum erstenmale den Kosmos in die Hand nahm, datirt eine bessre Zeit für mich. Er allein zerstreute meine Sorgen und so oft jetzt wieder des Lebens Noth und Mühe auf mich eindringen will, rette ich mich in jenes Buch der Bücher, ein wahrhaftiges Asyl „für bedrängte Seelen“ – Alle diese und noch manche andre damit zusammenhängende Erfahrungen sind Dir erspart worden, alle Deine Wünsche kannst Du erfüllen, und dabei willst Du noch den Muth sinken lassen, weil ein liebevoller Vater, der Dich durch und durch kennt, Dir Deine Lebensbahn so scharf vorgezeichnet hat? Nimmermehr darfst Du das, und wenn Du dieß dennoch thätest, dann – Verzeihe wenn ich zuletzt etwas zu heftig geworden bin, aber es ist nicht gut, wenn man solche Sachen verschluckt, es mußte heraus; sollte ich Dich gekränkt haben, so bitte ich Dich herzlich um Verzeihung, blos Liebe zu Dir hat mich dazu vermocht.

Doch Himmel! ich sehe eben, daß mein Brief schon viel zu lang ist, zwar hätte ich Dir noch manches zu sagen, doch verspare ich es lieber auf ein nächstes mal und nehme für heute von Dir Abschied. Wenn Du meinen Brief ließt, ist es bereits Donnerstag. Denkst Du daran, wie oft wir diesen Tag als Knaben harmlos zusammengefeiert haben? Die Knabenzeit ist vorüber, wir sind beide älter geworden, haben gar manches lernen müssen. Doch unsre Liebe ist jung geblieben, möge sie ewig jung bleiben! Das ist der Wunsch, mit dem ich Dir zu Deinem Geburtstage meine Hand über Berg und Thäler reiche, mit dem ich Dich an’s treue Freundesherz drücke, doch damit sind wir noch nicht fertig; so wie ich, fühlen heute noch zwei andre mit mir, darum sei ein donnerndes Hoch uns gebracht dem vierblättrigen Kleeblatt

[Zeichnung, Kleeblatt mit den Initialen H W W H]

von

Deinem W. H.

a gestr.: eine; b gestr.: Eigenschaften, eingef.: Untersuchg; c unkenntlich gemacht; d gestr.: und; e gestr.: möglich; f gestr.: sucht unter d; g gestr.: eine; h unkenntlich gemacht; i korr. aus: müssen; j gestr.: jene; k korr. aus: beg; l gestr.: der; m unkenntlich gemacht; eingef.: Kräfte; n korr. aus: zur; o gestr.: bede; p gestr.: Endlich; q unkenntlich gemacht; r unkenntlich gemacht; s korr. aus: erhöhte.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-02-1854
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 21560
ID
21560