Hochgeehrter Herr Professor,
Alle guten Dinge sind drei. In diesem dritten Schreiben sage ich zunächst den verbindlichsten Dank für Ihre lieben Zeilen, bedaure von ganzem Herzen, dass es Ihnen nicht möglich ist, an meiner Zeitschrift theilzunehmen, versichere Ihnen aber auf Ehrenwort, dass Alles, was ich in Bezug auf Costenoble schrieb, buchstäblich wahr ist. Sollten Sie zufällig mit Hrn. Costenoble in nächster Zeit zusammenkommen, so bitte ich Sie recht freundlich, demselben zu sagen, dass es vollständig genüge, || wenn ich meinen Namen allein auf das Titelblatt setze und überflüssig sei,a Mitarbeiter speciell zu nennen. Sie würden hierdurch sehr mich zu Dank verbinden, insbesondere wenn Sie so gütig sein wollten, nicht zu erwähnen, dass ich Sie um diese Ihre freundliche Vermittelung gebeten habe. Ihre Worte werden für Costenoble höchst überzeugend und damit mit nützlich sein. Ich glaube, Hr. Costenoble möchte gern etwas von Ihnen verlegen; es müsste Alles mich täuschen, wenn dem nicht so sein sollte! Wenn Costenoble auch von Bastian, „dem grossen Nebulosen“ (wie ich ihn nennen möchte), verlegt, so verlegt er, als richtiger Geschäftsmann, auch von dem sehr gerne, den der höhere Nussknacker (B.) heftig angegriffen. Costenoble wird Ihnen jedenfalls sehr anständige Bedingungen machen. ||
Was Sie von Athenaeum, Leopoldina etc. sagen, hat meinen grössten Beifall. Ich bedaure nur sehr, dass meine Sache nicht zu Stande zu bringen ist; denn nach Verwirklichung des Athenaeums hätte ich Sie einladen können, einen Lehrstuhl mit 2000 bis 3000 Thalern Gehalt jährlich anzunehmen und Ihre Arbeiten an der Akademie fortzusetzen.
Schade, dass Sie so sehr sich isoliren. Zwar ist dies für die Wissenschaft der höchste Vortheil; allein für Ihre Person stets ein Nachtheil: wirkt nicht gut auf die Nerven. Wenn ich nicht zuweilen nach Skandinavien, Frankreich & C. käme, müsste ich in Isolirung verschmachten. Ich theile auch meine Zeit zwischen Wissenschaft und Familie, und mache mir Frau und Kindern grosse Promenaden an der Seeküste; aber, so schwer es mir auch wird, vom Hause mich zu trennen, so nothwendig ist es für die Nerven, öfters im Jahre jenseits der Nord- und Westgrenze Deutsch-||lands zu reisen. – Im November 1874 habe ich in Montpellier Herrn Charles Martins [–] war mir sehr interessant wegen seiner Verdienste um Lamarck und seiner vortrefflichen Abhandlungen über manche wichtige Gegenstände; er ist ein Elsässer.b [–], Prof. der Botanik & Director des botanischen Gartens kennen gelernt; ein liebenswürdiger Mann, geistvoller und gewandter Schriftsteller, den Sie vielleicht auch persönlich kennen. Prof. Bechamp stellte mich Martins vor. – Wenn die Franzosen im Augenblicke nicht so viel Abneigung gegen alle Fremden hätten, wäre Ihre beste Stellung in Frankreich. Ich muss gestehen, dass ich auch dort sehr wohl mich fühlen könnte. In Deutschland ist der Kasten- und Zunftgeist etwas Betäubendes, Erstickendes, Lähmendes für jeden strebsamen Gelehrten; die Franzosen, lebenspraktische und heitere Menschen, converniren diesen Alp nicht, sondern vertreiben ihn überall, wo er sich zeigt!
Sollte ich einmal in Frankreich wohnen, so will ich – wenn Sie damit einverstanden sind – verschiedenen Leuten begreiflich machen, dass es gar nicht so ohne wäre, für Sie ein recht bequemes Laboratorium zu bauen und ein behagliches Wohnhaus.
Mit hochachtungsvollem Grusse
ganz der Ihrige
Eduard Reich.
Doberan,
25. Januar 1875.
a eingef.: überflüssig sei; b mit Verweiszeichen eingef.: war mir […] Elsässer.