Hochgeehrter Herr Professor,
Als ich das Vergnügen hatte, Ihre „Anthropogenie“ zu empfangen, bat ich Ihren Verleger, Ihnen dafür meinen verbindlichsten Dank auszusprechen. Jeden freien Augenblick widmete ich Ihrem vorzüglichen Werke, und schrieb alsbald eine Analyse desselben, die im ersten Hefte meiner Zeitschrift zum Abdrucke kommen soll. Ich weiss sehr wohl, dass die Zahl Ihrer Gegner gross ist; aber ich hege andererseits die Ueberzeugung, dass in nicht allzu fernen Decennien, wo die Namen Ihrer Feinde vergessen sein werden, Ihr Name ebenso, wie der von Lamarck, Darwin, Baer, in unauslöschlichem Lichte strahlen, ein grosser Meilenzeiger auf dem Wege der Wissenschaft und Erkenntnisse sein wird.
Es betrübt mich im höchsten Grade, dass Sie nicht an meiner Zeitschrift || Theil nehmen wollen. Innere Gründe können Sie unmöglich bei der Ablehnung meiner Bitte geleitet haben; denn wie ich auch aus Ihrer neuesten Arbeit gesehen habe, gehen wir in allen wesentlichen Punkten vollständig zusammen. Es können also nur äussere Gründe sein. 1. Ihre Zeit ist sehr in Anspruch genommen. Gut, liefern Sie jährlich nur acht Druckseiten Beiträge, oder auch nur vier Druckseiten. 2. Sie halten mich für einen Populär-Schriftsteller. Darin thäten Sie mir schweres Unrecht; denn wenn ich auch (um des lieben Lebens willen, wie unter uns bemerkt sei) dem Verleger gestatten muss, mein Buch auch den höchst || Gebildeten zu empfehlen, und wenn ich auch damit mich beschäftige, die Ergebnisse der strengena Wissenschaft auf Politik, Moral und Hygieine anzuwenden, so ist dies selbstverständlich noch keine Populär-Schriftstellerei. 3. Sie nehmen Anstoss an meinem Feinden und gehässigen Verläumdern. Unmöglich; denn Sie haben Feinde und gehässige Verläumder, und wissen wohl, dass mein Leben nur durch Arbeit im Weinberge der Erkenntniss ausgefüllt war, durch ununterbrochene Arbeit im Schweisse des Angesichts, im Kampfe mit bösen Menschen und Jahre lang im Kampfe mit Hunger. Vielleicht schändet der letztere mich in den Augen der Welt; er hat zwar körperlich mich krank gemacht (und ich empfinde immer noch die Folgen), || aber er hat meine Seele [–] Sie werden diese Bezeichnung nicht falsch deuten!b [–] emporgehoben. 4. Sie nehmen Anstoss daran, dass ich nicht Professor an einer deutschen Universität bin. Unmöglich; denn Niemand weiss besser wie Sie, dass viele Privatdocenten, aus denen ganz gute Professoren geworden wären, durch maasslose Armuth aus der Laufbahn gerissen werden. Trotzdem dies bei mir der Fall war, bin ich mit Aufopferung meines eigenen Selbst und aller Lebensfreuden der Wissenschaft treu geblieben, und habe auch während Hungers, Kälte, Verfolgung und Drangsal niemals eine Linie breit von meinem Heiligthume abgetreten. In den Augen eines so gerechten Mannes wie Sie sind, kann dies Alles wenigstens nicht zum Nachtheile mir gereichen. 5. Meine Arbeiten taugen nichts. Dieser Punkt freilich || ist ein anderer, und kann Sie mit recht bestimmen, das Zusammengehen mit mir zu vermeiden. Ueber Werth oder Unwerth meiner Schriften habe ich keine Vorstellung; nur mein Gewissen sagt mir: Du willst das Beste, und das ist c brav; harre aus und arbeite weiter. Spräche mein Gewissen nicht in dieser Weise, so schliefe ich längst den ewigen Schlaf; denn die Nerven hätten die Kraft über die organische Mechanik verloren. Also, nur für den Fall meine Arbeiten Unsinn, Narrheit sind, erkläre ich Ihre abschlägige Antwort für immerhin tief berechtigt und nehme sie betrübt an. – 6. Es ist Ihnen ein Hinderniss, dass V. Carus und Rudolf Virchow nicht an meiner Zeitschrift Theil haben. Sie sind viel zu viel ein ganzer und voller Mann, als dass Sie an solche Geringfügigkeiten sich kehren sollten. Mit Virchow will ich || gar nichts zu thun haben, weil er vor eine Reihe von Jahren ein hohes Maass von Pöbelhaftigkeit gegen mich an den Tag legte; dergleichen vertrage ich nicht, weil das romanische Blut in meinen Adern zu vorwaltend ist. Und Carus hat, auf meine nach Ihrem gütigen Rathschlage von Schloss Banz aus an ihn gerichtete Aufforderung wegen des Athenaeums grob mir geantwortet und den Schulmeister herausgekehrt; ausserdem mit Behm, Virchow und Anderen im Winkelblatte des „grossen“ Behm eine kaiserlich Leopoldisch-Carolinische deutsche Hornthier-Erklärung gegen mich erlassen, die hinreichend war, die Existenz von Sympathie für meine Sache mich vermissen zu lassen. –
Ich kann Ihnen die Versicherung geben, dass Ihre Mitarbeiterschaft an || meiner Zeitschrift für diese letztere geradezu Lebensbedingung ist. So wie Sie Ja sagen, contrahirt der Verleger mit mir und die Sache tritt in das Leben. Sagen Sie Nein, ist Alles ausgelöscht. Ich spreche offen; aber diese Offenheit schadet mir nicht, weil ich zu einem Menschen mit edlem Herzen rede. Wenn ich persönlich Ihnen gegenüber stände, sagte ich noch etwas, was ich diesem Papiere nicht anvertrauen kann. – – Die Wissenschaft gibt mir auch das materielle Dasein und meiner Familie das Brod. Sagen Sie dies Niemand; ich bitte inständig darum.
Für Sie selbst kann meine Zeitschrift möglicher Weise von praktischem Nutzen werden. Wir gehen schlimmen Zeiten entgegen und unsere Feinde nehmen zu an Zahl und Gewalt. Gut, wenn wir ein Organ haben, durch welches wir den Einen || die Zähne zeigen, den Anderen die Hände reichen, und Allen reinen Wein einschenken. Weisen Sie diesen unschätzbaren Vortheil nicht von sich, sondern halten Sie ihn fest; – occasio antem praeceps, sagt Hippokrates (durch den Mund des Nicolaus Leonicenus).
In der Beilage erlaube ich mir, meine kleinen „Studien über die Feiertage“ ergebenst Ihnen zu überreichen. Das anliegende Briefchen bitte ich freundlich, an Hrn. Costenoble gelangen zu lassen; besten Dank für Ihre Güte. Haben Sie mein Buch „Der Mensch und die Seele“ (Berlin. 1872.) von dem Verleger bekommen?
Mit der ebenso freundlichen wie herzlichen Bitte, die Mitarbeiterschaft an meiner Zeitschrift muthigd annehmen zu wollen, bin ich mit hochachtungsvollem Grusse
ganz der Ihrige
Eduard Reich.
Doberan,
den 19. Januar 1875.
NS. Ich bin Ortseinwohner von Doberan seit 1 ½ Jahren. In Rostock habe ich mein kleines Haus mit 3000 Mark Schaden verkauft.
a eingef.: strengen; b mit Verweiszeichen eingef.: Sie werden diese Bezeichnung nicht falsch deuten!; c gestr.: gut; d eingef.: muthig