Gotha, 5. Bahnhof-Strasse, den 26. Mai 1867.
Sehr geehrter Herr Professor!
Ihr schätzbares Schreiben vom 23. dieses Monats, welches am 24. in meine Hände kam, hat sehr angenehm mich berührt, da es einerseits einen wackeren Kämpfer und Gesinnungs-Genossen genauer mir enthüllte, andererseits durch biedere Offenheit mich erfreute. Aus dieser Veranlassung fühle ich mich gedrungen, für Ihre Zeilen den besten Dank Ihnen auszusprechen.
Die akademische Laufbahn hat ungemein viel Dornenvolles und auch Jämmerliches für jeden strebsamen, ehrlichen Mann. Die Akademiker, zu neun Zehntheiler Bediente, Hausknechte, Tagelöhner, Handwerker, kennen nur gemeine Interessen, und vergiften und verpesten Allen, denen die Wissenschaft wirklich eine Göttin ist, des Lebens-Nahrung und Luft. – Ich kann Ihre Klagen über die Schrift-Gelehrten und Pharisäer in jeder Weise gerecht nennen, und muss aus tiefster Ueberzeugung darin Ihnen beipflichten. Fünf Sechstheile meine Lebens habe ich in Universitäts-Städten zugebracht, in und ausser Deutschland; aber eines Tages wandte ich mit tiefer Entrüstung und mit Abscheu den Orten, welche das Professions-Gelehrtenthum in der Quintessenz bergen, den Rücken.
Ihre Ehrenhaftigkeit und Ihre Begeisterung für die gute Sache, sie bürgen dafür, dass Sie den einmal betretenen Weg niemals verlassen, mit den banausischen Gelehrten, mit diesen verzopften und verrotteten Alt-Gesellen niemals zusammen gehen werden. – Wenn auch theilweise auf andern Gebieten, so habe ich doch nach der nämlichen allgemeinen Richtung wie Sie gekämpft; meine Gesundheit, das Glück meines Lebens, Alles was dem Manne ausser der Weisheit lieb und werth ist, setzte ich ein, um der heiligen Sache zu dienen, – und was habe ich geerndtet? Verfolgung, Verketzerung, Verhöhnung, Noth, Elend … – Doch, nichts darf uns abhalten, nach dem erhabenen Ziele zu streben!
Gleich nach Absendung meines ersten Briefes an Sie schaffte ich Ihr Werk „Generelle Morphologie“ mir an. Ebenso wie der erste Eindruck, den das Buch auf mich machte, die Ueberzeugung mir einflösste, dass Ihr Werk in Wahrheit ein klassisches sei, in derselben Weise wurde diese gute Meinung durch das weitere Lesen befestigt und vermehrt. Ich bedaure von Herzen, dass Ihre grosse Arbeit nicht um zwei Jahre früher das Licht der Welt erblickte; ich hätte in diesem Falle häufig Gelegenheit genommen, in meiner „Allgemeinen Naturlehre des Menschen“ das Werk zu citiren; viele Stellen desselben wären zu den kräftig-||sten Argumenten meiner Beweise und Theorien geworden, insbesondere hätte der §. 43. ungemein dadurch gewonnen.
Ich werde Ihr Werk möglichst ausführlich anzeigen, und zwar in Deutschland und Italien, und eine kurze Analyse nach Schweden senden. – Erlauben Sie mir, dass ich über zwei Punkte hier mich ausspreche. Zunächst ist es meine Ueberzeugung, dass das Buch, ohne Nachtheil für den Inhalt, um zwanzig Druckbogen kleiner sein konnte. Die methodologische Einleitung ist breiter ausgefallen, als Sie selbst wünschen mochten, und im eigentlichen Texte konnte Manches koncentrirter gegeben werden. Dadurch wäre ein grösserer Käufer- und Leser-Kreis dem Werke gesichert worden. Sie wissen ja, welche Angst die gelehrten Tagelöhner überfällt, wenn sie ein dickes Buch lesen sollen! – Der zweite Punkt, dessen ich an diesem Ort erwähnen wollte, ist das Schluss-Kapitel „Gott in der Natur“. Dieses Haupt-Stück steht im Widerspruch mit Allem, was Sie in Ihrem Werke sagen; es ist eine Lack-Schichte über eine edle klassische Gestalt, die eines Lackes nicht bedarf; es ist begründet in den Jugend-Reminiscenzen eines tiefen Gemüth’s, und tauchte auf, als die Ueberzeugung auf das Papier geheftet und nicht mehr im Stande war, das Gemüth zurück zu halten. Schlagen Sie das Schluss-Kapitel Ihres Werkes auf, und vergleichen Sie damit die neueste Schrift von Ludwig Feuerbach „Gottheit, Freiheit und Unsterblichkeit vom Standpunkte der Anthropologie“ (Leipzig. 1866. In 8°. Bei Ebner.), und – wenn diese Bemerkung erlaubt ist – vielleicht auch meine allgemeine Naturlehre des Menschen.
Es durchdringt mich die feste Ueberzeugung, dass Sie diese meine Worte nicht übel deuten, sondern mit der Freundschaft sie aufnehmen werden, mit welcher dieselben an Sie gerichtet sind. Ich habe für Ihr Werk das wärmste Interesse, und ich betrachte es als eine Herzens-Sache, Ihnen gegenüber ganz offen mich auszusprechen.
Was über die bisher erschienenen Recensionen Ihres Werkes Sie mir schreiben, setzt durchaus nicht mich in Verwunderung. Die Kritik ist in Deutschland – wo das Pfahlbürgerthum, nicht allein das politische sondern auch das gelehrte, bekanntlich seine grössten und tiefst gehenden Wurzeln hat – elend auf den Hund gekommen; sie kennt nur noch Lobhudeln, Verdammen, und jenes a vornehm || sein sollende, aber höchst plebejisch seiende, Absprechen, wie es jedem Vernünftigen zum Ekel gereicht; ausserdem ist die gegenwärtig in Deutschland von den Fach-Gelehrten und Philosophie-Professoren geübte Kritik nichtssagend, geistlos und zeugt für eine immense Trägheit wie Charakterlosigkeit ihrer Urheber. – Ein gewisser Herr in Heidelberg ist durch die wahrhaft excessiven Komplimente, die von allen Seiten her, oft ohne allen Grund, ihm gemacht wurden, so beeinflusst worden, dass er zum Absprechen und Ignoriren sich berechtigt glaubt. Man thut wohl daran, auf das Urtheil solcher Pseudo-Aristokraten wenig Werth zu legen.
– Nun will ich aber nicht länger Ihre kostbare Zeit Ihnen rauben. Indem ich wünsche, dass unser gemeinsames Streben und unser gemeinsamer Kampf für das Heiligthum der Menschheit in Freundschaft uns verbinden möge, begrüsse ich Sie auf das Herzlichste, und bleibe mit Hochachtung und Zuneigung jederzeit aufrichtig Ihnen ergeben.
Med. Dr Eduard Reich
a gestr.: vor