Rottenburg, Paul von

Paul Rottenburg an Ernst Haeckel, Glasgow, 12. Juli 1907

Holmhurst,

Dowanhill Gardens,

Glasgow

12 Juli 1907.

Liebster Freund!

Schon lange wollte ich Dir herzlichst danken für deinen lieben letzten Brief mit interessanten Details über Deine Erlebnisse Ehrungen etc. und hoffe Du vergiebst mir, wenn ich es erst heute thue. Auch las ich mit vielem Gusto über die große Versammlung in Jena, in welcher Du mit jugendlicher Kraft die Keule geschwungen hast gegen Preuss. Rückschritt etc. Schade dass mein Bruder nicht noch den Fall von Studt erlebt hat – aber wird es besser werden? J’en doute. –

Uns geht es kretzig. Tante Ida leitet seit fast 12 Monaten an gichtischen Ablagerungen im Knie & Bein, die ihr viel Schmerzen verursachen u. Ihr das Gehen so gut wie unmöglich machen. Jetzt hat sie von einer Freundin gehört die in Franzensbad von Massage und Moorbädern viel Gutes für ein ähnliches Leiden berichtete, und ich gedenke sie hin zu nehmen da sie ohne mich nicht reisen will. – Die 4 Wochen am Mittelmeer waren bei schönem Wetter || sehr genußreich – aber hier kamen wir in der II Hälfte Mai in eine Kälte hinein, die noch heute anhält und mir speziell auf die Nerven gefallen ist. – Dazu nichts als Aerger und Sorge. Seit Jahr und Tag hat keins meiner Schiffe „den Hafen erreicht“ dagegen vergeht keine Woche, fast kein Tag, an dem ich nicht von „Schiffbruch“ höre. Freunde die einen hineingelegt haben und täglich verschärfte Concurrenz und widerwärtige Handhabung der Geschäfte. Der gewißenhafte Schuft geht aus diesem Concurrenzkampf als Sieger hervor. Amerika steht an der Spitze! – Da überkommt mich das Gefühl der Muthlosigkeit, der Lebensmüdigkeit und des Zusammenbrechens. „Und ich selber gleich einer Leiche die grollend ausgeworfen das Meer lieg ich am Strand, wie ein schiffbrüchiger Greis.“ – Ich kann mich nicht mehr zurechtfinden in der heutigen Welt. Was sind das alles für Jammergestalten in der Politik heut’ zu Tage. Die Conferenz im Haag die größte Affenkomoedie der Welt. Wo gesunde normale Zustände? Nirgends! – Es gährt überall und wo ist das Ende dieses Gährungsprozeßes. – Die neuere Erziehung zeugt Automaten aber keine Individualitäten. – ||

Du hast Deine Wissenschaft als sicheren Anker aber Jemand, der wie ich im praktischen Leben steht verlangt nach greifbaren Erfolgen und wenn dieselben immer wieder ausbleiben dann kommt ihm sein Leben schließlich als verfehltes vor. –

Entschuldige daß ich Dir vorklage. Vielleicht finde ich auch in Franzensbad oder Carlsbad eine Quellea die mich das Leben noch einmal rosiger ansehen läßt als heute. Jedenfalls kommt es mir heute als ein großes Versehen vor Etwas auf dem Lande gekauft zu haben denn bei dem Wetter ist mir die Stadt sehr viel sympathischer – Kastanien blühen jetzt! – Nichts gedeiht bei der Näße und Kälte. –

Weißt Du von einem Spezialarzt, den ich Tante Ida’s wegen auch vielleicht für mich consultiren koennte so laß’ es mich bitte, mit zwei Worten wißen – ich bin heute ausnahmsweise in der Stadt geblieben u. habe mich eben massiren lassen. –

Viele herzliche Grüße an Schwester Röschen

Immer Dein

Paul R – ||

Dein Brief war aus Berlin vom 30/5. – auch für spätere Karte aus Jena vom 8/6 besten Dank. – Mein Bonner Bruder fehlt mir fast täglich und ich kann über den Verlust nicht hinweg kommen. Dazu die unerfreulichen Verhältniße zur 2ten Frau. – Auch daß Nichts von ihm zurückgeblieben bezüglich seiner reichen Erinnerungen an den Groß Kanzler geht mir sehr nahe. –

P.R. –

a eingef.: eine Quelle

 

Letter metadata

Empfänger
Datierung
12.07.1907
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 20061
ID
20061