Rottenburg, Paul

Paul Rottenburg an Ernst Haeckel, Luxor, 15. März 1904

Luxor 15 März 1904

Liebster Freund.

Soeben erhalte ich deinen lieben Brief vom 7ten und beeile mich Dir aus diesem herrlichen Luxor herzlichst dafür zu danken. –

Die „Jugend“ erhielt ich von zwei Seiten und freute mich sehr über diese Ovation. Dr. Breitenbach’s Festschrift werde ich wohl in Glasgow vorfinden. – Sehr leid thut es uns zu hören daß Schwester Röschen nicht so wohl wie zu wünschen. – Bereits vor zwei Jahren wurde mir klar daß man in Europa – so || weit ich es kenne – nicht mehr warm werden kann. Selbst Cairo genügt nicht mehr – Luxor oder Assouan werden die „Winter Resorts“ Europas werden oder sind es schon. Unsere diesjährige Tour hat das ja nun bestätigt. Die Rückreise nach Khartoum und Assouan waren mit Ausnahme von 3 Tagen im Bette mit Erkältung u. rebellischer Leber sehr genußreich. – Die Fahrt von Philae nach Waddy Halfa ist entzückend und Luxor bietet mit seiner malerischen Umgegend – den herrlichen Höhenzügen auf beiden Nilufern und den Schätzen in Luxor – Karnak || und der Todtenstadt Theben unendlich Viel. – Wir haben die letzten Tage in Gräbern geschwelgt. Die Königs Gräber werden jetzt natürlich erleuchtet und verschönern damit gegen Stearinlichter und Magnesiumband die Besichtigung ganz erheblich. – Heute Ramesseum Queen Hatasu’s Tempel – gestern Medinet Habout – und vor Allem Luxor und Karnak zwingen Einem doch einen gewaltigen Respect ab und Kaiser Wilhelm II mit seiner Siegesallee wird klein wie ein Kind mit einer Schaufel Spielzeug. – ||

Wenn der gute Junge sich nur nicht in die Oestlichen Wirren hineinmischt! – Morgen Nacht geht es nach Cairo und der Rest der Woche soll dem Fayoum gewidmet werden. – Ich habe Cabinen belegt an Bord der White Star Line „Canopic“ der am 31/3 von Alexandria segelt und auf dem Wege nach Boston Neapel und Gibraltar anläuft. – Vor einigen Stunden sagte mir aber der Literat Rider Haggard, den wir kennen lernten, daß Gibraltar aufgegeben ist. – Da mußten wir in Neapel das Schiff wechseln. Von Gibraltar werden wir auch einige Tage zu meinem maroccanischen Bruder nach Tanger – Terra incognita obgleich mein Bruder und Familie || bereits seit 14 Jahren in Marocco ist. –

Ich hatte so eine leise Hoffnung wir koennten uns vielleicht in Italien irgendwo sehen, bedaure also zu hören, daß Ihr Eure Schritte schon im Anfang April Heimwärts lenkt. – Waltern und Familie besten Gruß! Wie geht es der guten Tante Bertha? – Von Heinrich aus Stettin lange Nichts gehört. –

Könnte ich Euch doch Wärme & Sonnenschein auf Flaschen ziehen. Besser als Chianti || Asti spumanti und wie sie alle heißen. –

Vermutho di Torino – mit Wasser nachgespült bekommt mir hier sehr gut. –

Wir grüßen Euch herzlichst

Stets Dein alter

Paul Rottenburg

 

Letter metadata

Verfasser
Empfänger
Datierung
15.03.1904
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 19940
ID
19940