Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 22. Dezember 1910

Herrn Geh. Hofrat |

Dr. E. Häckel |

Jena. |

Stein. Kreuz 5, Bremen

22.XII.10.

Lieber Freund!

Es war meine Absicht, Dir für Zusendung Deiner Sandalion-Schrift in etwas längerer brieflicher Ausführung zu danken, aber ich sehe, dass ich zur Zeit nicht dazu komme, weil ich nach alter Gewohnheit mehr Arbeit übernommen habe als ich bewältigen kann. Von || Embryologie verstehe ich leider recht wenig, wohl aber ist mir jene scholastische Dialektik bekannt, die durch Vertauschung ähnlich klingender Wörter immer stärker von einander abweichende Dinge und Begriffe gleich setzen, bis zuletzt aus Weiss pechschwarz geworden ist. Fälschungen sind doch nur tendenziöse Aenderungen oder Entstellungen, wie z. B. im Pseudo-Isidor. Etwa abgesehen von Portraits und genau kopierten Einzeldingen sind doch alle andere Bilder, mögen sie nun Landschaften, Hunde, Menschen oder Heilige darstellen nur nach Kollektivbegriffen entworfen, also mehr oder minder schematisiert. – Hoffentlich kannst Du die Festtage in ruhiger und angenehmer Weise verleben.

Glückauf!

Dein W. O. F.

 

Briefdaten

Gattung
Empfänger
Datierung
22-12-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1900
ID
1900