Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 2. Januar 1910

Stein. Kreuz 5, Bremen,

2.1.10.

Mein lieber alter Freund!

Beim Jahreswechsel möchte ich Dir einen herzlichen Gruss schicken; die Zahl der Altersgenossen, mit denen wir einen Teil der Jugendjahre verlebten, wird nach und nach recht klein. Nun, was die eigentliche Arbeitsleistung betrifft, so müssen wir von uns wohl „fuimus“ sagen, selbst wenn man dem in früheren Zeiten angesammelten Stoff noch einen gewissen Abschluss zu geben vermag. In diesem || Sinne habe ich immer gehofft, Du würdest aus Deinen „Kunstformen“ noch einmal weitergehende Schlussfolgerungen ableiten und das aesthetische Empfinden in eine gewisse Beziehung zur Intelligenz zu setzen suchen, so weit das zur Zeit möglich ist. Offenbar reicht die Wahrnehmung für das Schöne bis in weit tiefere Stufen der Organismen-Entwickelung hinein, als die Intelligenz, wenigstens die Intelligenz in unserem menschlichena Sinne.

Es hat ja ein gewisses Interesse zu beobachten, was unsere Nachfolger machen, man ist neugierig, wie der Gang der Dinge || weiter geht. Wunderliche Heilige, diese Neovitalisten, Neo-Lamarckianer u.s.w.!

Das Alter wird mir lästig durch grosse Empfindlichkeit gegen Kälte und kalten Wind; bisher war ich Luftmensch, der wenig in die Stuben und ins Schreiben kam. Im übrigen kann ich nicht klagen; nur erfordert jede körperliche oder geistige Leistung nachher unverhältnismässig langes Ausruhen. Man beschickt zu wenig, weil jedesmal die Restitutio ad integrum zu viel Zeit erfordert. – In meiner Familie gab es im abgelaufenen Jahre allerlei Sorgen, doch kann ich zum Schlusse in den meisten Beziehungen sagen: Ende gut, alles gut.

Von Krabbe, der uns in Jahren ja noch etwas vorangeht, hatte ich zu Neujahr || einen ganz zufriedenen Brief; er hatte zur Weihnachtszeit seine ganze Familie um sich.

Du würdest mich erfreuen, wenn Du gelegentlich einmal Zeit und Lust hättest, mir zu erzählen, wie es Dir geht und was Du machst oder im Laufe des letzten Jahres gemacht hast. Dabei bemerke ich, dass ich Dir von meinen „Taten“ von 1909 noch nichts erzählt habe: nun ich habe allerlei heimatkundliche und heimatlich-biographische Kleinigkeiten geschrieben, und das erste Heft meiner Species Ruborum erscheinen lassen; auf den Ehrgeiz, alles von Rubusb zu kennen, was die Leute alljährlich an unglaublich liederlichen Beschreibungen veröffentlichen, um Prioritäten zu erjagen, habe ich verzichtet.

Nun halte Dich noch ferner gut, lebe wohl mit den Deinigen; es denkt Deiner freundschaftlichst

Dein W. O. Focke.

a eingef.: menschlichen; b eingef.: von Rubus

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
02-01-1910
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1892
ID
1892