Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 22. August 1905

Stein. Kreuz 5, Bremen, 22.8.05

Lieber Freund!

Vor einiger Zeit erhielt ich den „Kampf um den Entwickelungsgedanken“ zugesandt; ich darf wohl annehmen, daß ich Deinem freundlichen Gedenken diese Gabe zu verdanken habe. In der Unruhe des Sommerlebens bin ich nur hin und wieder dazu gekommen, in der Schrift zu blättern; die Anschauungen, die darin vorgetragen werden, sind ja selbstverständlich in der Sache übereinstimmend mit denjenigen, die Du in früheren Werken vertreten hast. In Bezug auf die || Entwickelungslehre einerseits, die schweren Schädigungen, welche die sittliche und intellektuelle Entwickelung der Menschheit durch die Kirchenlehre erfährt, andrerseitsa stehe ich ganz auf Deinem Standpunkte. Diese Angelegenheiten sind allerdings zur Zeit die weitaus wichtigsten. Im übrigen bin ich freilich nicht immer Deiner Ansicht; insbesondere macht die Ueberzeugung, daß unsre Sinneswerkzeuge nur auf verhältnismäßig recht kleine Gebiete der tatsächlichen Vorgänge in der Welt eingestellt sind, mich recht vorsichtig in Bezug auf allgemeine Schlußfolgerungen. Eine einzige Entdeckung, wie die des Ra-||diums, kann unsere vermeintlich festesten Grundanschauungen über das Wesen der Materie und der materiellen Vorgänge vollständig umändern. Mit der Zeit werden wir, oder vielmehr unsere Nachfolger, lernen, mehr und mehr von den Schwingungen und Bewegungen, auf denen alles Geschehen beruht, unsern Sinnen wahrnehmbar zu machen. Die Naturforschung ist noch recht jung und es ist kein Fehler, wenn man in der Jugend nicht alles weiß und entschlossen ist, mehr zu lernen. Das, was wir aber wirklich und wahrhaftig wissen, dürfen wir uns nicht von lichtscheuen Wortklaubern wegdisputieren lassen. Sie haben es || leider dahin gebracht, daß unserm Volke die wirkliche Achtung vor der Wahrheit abhanden gekommen ist.

Im Sommer wohnen meine Kinder auf dem Lande zerstreut; Besuche bei ihnen und Ausflüge in die Umgegend füllen einen großen Teil der Zeit aus. Im Sommer wird der alte Wandertrieb immer wieder lebendig und es giebt in der Heimat bald hier, bald da etwas zu untersuchen. Man bringt dann jedesmal allerlei mit, was man näher untersuchen will. Dazu kommt dann die Arbeit im Garten und bei den pflanzlichen Kulturversuchen. Für produktive wissenschaftliche Arbeit bleibt da keine Zeit übrig.

Hoffentlich geht es Dir und den Deinigen gut; gelegentlich höre ich vielleicht wieder einmal von Dir.

Freundschaftlichst Dein W. O. Focke.b

Im Juni war ich zum Botanischen Kongress in Wien; war auch bei Mödling und auf dem Schneeberg und habe dort viele Erinnerungen an unsere Jugendzeit von 1857 gefeiert.c

a eingef.: andrerseits; b Text weiter am unteren Rand von S. 1: O. Focke.; c Text weiter am oberen und linken Rand von S. 4: Im … gefeiert.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
22-08-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1884
ID
1884