Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 15. Februar 1905

Bremen, 15.Febr.05.

Lieber alter Freund!

Dein Geburtstag bietet mir einen willkommenen Anlaß, Dir einen herzlichen Gruß zu senden, einen Gruß, der zugleich das Glückauf für das nächste wie für die folgenden Lebensjahre einschließt. Unser Altersgenosse Ascherson ist uns zuvorgekommen, indem er kürzlich den Spießrutenlauf durch das Jubelgreisentum mit dem Knalleffekt der 50jährigen Doktorfeier abgeschlossen hat. Wir haben noch eine kleine Frist vor uns, bis wir denselben Lebens-||abschnitt erreicht haben.

Amt und Würden habe ich jetzt niedergelegt, aber ich merke noch nicht, daß ich viel Zeit gewonnen habe. Nur in Bezug auf Ausflüge in die Umgegend bin ich jetzt freier. In den letzten Monaten hat mich die Gründung eines Botanischen Gartens für die Stadt Bremen vielfach beschäftigt; auch machen Vereine jetzt mehr Ansprüche. Wenn ich mich nicht nachdrücklich zur Wehr setzte, würde jeder Kräutersammler verlangen, daß ich ihm die abgerupften Brombeerzweige seines Herbarsa „bestimmte“. Dazu bilden die Leute sich ein, daß es für mich eine besondere Wohltat und Freude sei, wenn ich das || von ihnen gesammelte wertvolle Material sehen und untersuchen dürfte.

Man ist immer wieder überrascht zu sehen, wie wenige Menschen, wie wenige vermeintliche Naturforscher, es giebt, die naturwissenschaftlich, d. h. kausal, zu denken vermögen. Stets kommt die formale grammatikalische Schulerziehung, der sprachliche Drill, zum Vorschein, die wirkliche Natur wird nach den für das Verständnis und für die Verständigung erforderlichen schematischen Formen und Formeln beurteilt, während die Forderung, daß die formale Darstellung sich in möglichster Annäherung der wirklichen Natur anpassen müsse, über dasb Begriffsvermögen der Leutec hinausreicht. || Sollte nicht in Zukunft einmal eine Schule möglich sein, in der die Kinder von Jugend auf in der Vorstellung des unverbrüchlichen Waltens von Ursachen und Wirkungen erzogen werden? Die jetzigen „Naturforscher“ entdecken „Gesetze“ und finden es ganz selbstverständlich, daß viele „Ausnahmen“ vorkommen, wie es ja auch in der Grammatik der Fall ist. Daß auch in der Natur Ausnahmen vorkommen, sieht man in der Schule schon darin, daß dem Lehrer mitunter seine physikalischen und chemischen Versuche „mißlingen.“

So kommt man in’s Plaudern, zumal wenn man eine Erfahrung berührt, die man immer von neuem macht.

Und nun lebe wohl und laß es Dir gut ergehen. Die Freude an allem Schönen, Guten und Wahren bleibt Dir ja doch. –

Es gedenkt Deiner

herzlichst Dein W. O. Focke.

a eingef.: seines Herbars; b korr. aus: ihr; c eingef.: der Leute

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-02-1905
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1882
ID
1882