Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 5. Januar 1898

Dr. med. W. O. Focke.

Bremen, 5. Januar 1898.

Steinern Kreux 2 A.

Mein lieber Freund!

Es war mir eine besondere Freude, daß Du am Jahresschlusse meiner gedacht und mir Deine Grüße gesandt hast. Getrübt wurde diese Freude leider sehr durch Deine Mitteilungen über die Sorgen, die der Gesundheitszustand der Deinigen Dir bereitet. Angesichts dieser unerfreulichen Nachrichten wage ich nur den Wunsch und die Hoffnung auszusprechen, daß sich der Zustand der Deinigen im neuen Jahre günstiger gestalten möge als es augenblicklich den Anschein hat. Dir selbst möge frischer Lebensmut und Arbeitsfreudigkeit auch ferner erhalten bleiben. – Im vorigen Sommer hast Du wieder einmal ein neues Stück Europa kennen gelernt und Deine Anschauungen wesentlich er-||weitert.

Für mich bietet die Familie die schönsten und erfreulichsten Eindrücke. Drei verheiratete Töchter mit 5 Enkelkindern wohnen nur wenige Minuten von mir entfernt; vier frische jüngere Töchter leben bei mir im Hause. Nur der Sohn ist fern in China; mehr als anderswo gilt hier in Bremen das Wort: der Mann muß hinaus. Es scheint, daß mein Sohn seinen Weg findet; gerade jetzt, nach vierjährigem Aufenthalt, wird er in seiner geschäftlichen Stellung hoffentlich einen wesentlichen Schritt vorwärts kommen.

Die Zeit meiner amtlichen Thätigkeit wird nächstens ablaufen, und werde ich mich nicht wiederwählen lassen, wenn mir nicht etwa wesentlich günstigere Bedingungen gewährt werden sollten. In jedem Falle hoffe ich mehr Freiheit und auch etwas mehr freie Zeit zu erhalten, als ich in den letzten Jahren gehabt habe. Ich kann mich dann hoffentlich wieder mehr als bisher mit naturwissenschaftlichen Studien be-||schäftigen. Bei der Landwohnung eines Schwiegersohnes habe ich mir wieder ein Fleckchen Land für meine Kreuzungen und sonstigen Züchtungsversuche eingerichtet.

Vor einigen Tagen hatte ich einen Brief von Krabbe, in dem er über den glücklichen Verlauf seiner isländischen Reise berichtet. Obgleich ich in diesem Jahre meiner Frau versprochen habe, mit ihr nach Tirol zu gehen, möchte ich doch gern einmal außerdem einen Ausflug nach Kopenhagen machen, um Krabbe noch einmal zu besuchen.

Jetzt ist es Zeit an die Arbeit zu gehen; ich muß heute wieder einmal versuchen, der Bureaukratie klar zu machen, daß man das Thun und Lassen der Deutschen an den Küsten des Pacific nicht von Berlin aus reglementiren kann. Es wird so viel davon geredet, daß Deutschland sich zur See und in der Fremde ausbreiten und entwickeln soll; aber wie ist das möglich, wenn man von Berlin aus alles nach Schema F und || unter Androhung der Strafvorschriften von § einzweidreivierfünfsechs sub sieben regieren will. Ob es mir wohl gelingt, den Herren zum Bewußtsein zu bringen, daß sie von den Verhältnissen da draußen keine rechte Ahnung haben?

Bitte empfiehl mich Deiner lieben Frau, der ich ein gutes neues Jahr wünsche, und sei selbst herzlich gegrüßt

von Deinem

W. O. Focke.

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
05-01-1898
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1873
ID
1873