Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 3. Juni 1891

Bremen, 3 Juni 1891.

Lieber Freund!

Meinen herzlichen Glückwunsch zu dem glücklichen Verlaufe der schweren Operation bei Deiner lieben Frau! Man darf nun auch wohl hoffen, daß ihr ganzes Befinden sich dauernd bessern wird. Als wir studierten, boten Operationen, wie die an ihr vollzogenen, keinerlei Aussicht auf einen günstigen Erfolg und man sah damals auch noch keinen Weg, wie in Zukunft die Erzielung besserer Ergebnisse möglich werden könnte. Erst die naturwissenschaftliche Forschung hat die Möglichkeit geboten, so kühne Heilversuche zu unternehmen. ||

Meine Tochter hofften wir schon Ende Mai aufs Land bringen zu können, doch hat ein neuer heftiger Krankheitsanfall, ein fieberhafter Magenkatarrh, sie um 14 Tage zurückversetzt. Sie ist jetzt aber wieder auf dem Wege der Besserung.

Von Allmers‘ Unfall hast Du wohl gehört, zumal da ich vermuthe, daß er bei Dir gewesen sein wird, sobald er einigermaßen hergestellt war. – Ich denke, daß meine Frau, die durch unsere Aelteste sehr in Anspruch genommen war, gegen Ende dieses Monats unser Pensionskind so weit ausgesteuert haben wird, daß es die Reise nach Jena antreten kann.

Je älter man wird, desto schneller fliegen die Jahre dahin, und in dem raschen Fortschritte der Zeit findet mana kaum noch einen Augenblick, der Ruhe genug || bietet, um sich auf sich selbst zu besinnen. Das muß der Griechen Zeit, die von einem γνώθι σεαυτὸν, oder wie es geschrieben wird, redetenb, doch anders gewesen sein.

In der Hoffnung, Dich und die Deinigen demnächst frisch und wohl anzutreffen, verbleibe mit freundschaftlichem Gruße

Dein W. O. Focke.

a eingef. mit Einfügungszeichen: man; b eingef. mit Einfügungszeichen: redeten

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
03-06-1891
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1868
ID
1868