Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 15. April 1878

Bremen,

Stein. Kreuz 2 A.

15 April 1878.

Lieber Freund!

Im vorigen Herbste erfreutest Du mich durch Zusendung Deiner Münchener Rede und einige freundschaftliche Begleitzeilen, für welche ich Dir meinen herzlichsten Dank sage. Ich dachte Anfangs sofort darauf zu antworten; da ich aber gerade kurz vorher das Manuscript eines Aufsatzes über Treviranus abgeschlossen hatte, so glaubte ich warten zu können, bis ich Dir jenen Aufsatz gedruckt einsenden würde. Der Winter ist indeß darüber hingegangen, ohne daß ich dazu gekommen bin, die Arbeit zu publiciren.

Die Veranlaßung, welche mich jetzt zum Schreiben drängt, ist leider eine sehr traurige. Vermuthlich wirst Du schon auf irgend einem Wege die Nachricht von dem unerwarteten Tode unseres Freundes Brüggemann erhalten haben. Falls ich a der || Erste sein sollte, der Dir diese Kunde bringt, will ich doch nicht verfehlen, einige Einzelheiten hinzuzufügen. Br. hatte sehr befriedigt über seine neue Stellung und über sein Befinden geschrieben; er hatte die Absicht, die Osterferien hier zuzubringen. Am 6. d. M. hatte er noch ganz wie gewöhnlich im Museum gearbeitet; in der folgenden Nacht hörten seine Hauswirthe Geräusch auf seinem Schlafzimmer, doch wurde es gleich darauf wieder still; am andern Morgen fanden sie ihn halb angekleidet und blutig vor dem Bette b todt daliegend; ein Blutsturz hatte offenbar seinem Leben ein rasches Ende gemacht. Uebrigens hatte er schon vorher etwas Blut ausgeworfen, aber anscheinend wenig Werth darauf gelegt.

Es ist sehr bedauerlich, daß dieserc reichbegabte junge Mann so enden mußte, nachdem er sich durch eigne Anstrengung und unermüdliche Arbeit den Weg zu den angesehensten wissenschaftlichen Stellungen eröffnet hatte. Ich war der Meinung, daß er in wenigen Jahren einer der angesehensten zoologischen || Systematiker werden würde. Ich habe mich jedesmal gefreutd, wenn ich Brüggemann wieder sah, nicht nur für mich, sondern auch in seinem eigenen Interesse, weil er mehr und mehr die Spuren abstreifte, welche ihm noch von der äußerene Verkommenheit und dem Drucke seiner Jugend anhafteten.

Heute werde ich im Naturwissenschaftlichen Vereine einige Worte zur Erinnerung an ihn zu sagen haben; außerdem werden wir ihm einen Nachruf in den Abhandlungen des Vereins widmen. Es würde nun ein werthvoller Beitrag zu dieser Lebensskizze sein, wenn Du mir – sei es auch nur in wenigen Worten – einige Bemerkungen zur Würdigung seiner zoologischen Arbeiten schicken möchtest. In dem neuesten Hefte unserer Abhandlungen, welches erst heute ausgegeben wird, bringt er eine ganze Reihe von Arbeiten, von denen er Dir vermuthlich schon Separatabzüge zugesandt haben wird. Er behandelt darin Vögel, Käfer und Korallen, also seine drei bevorzugten Thierclassen; nebenbei giebt er || aber auch einige lepidopterologische Notizen. So viel ich weiß, sind diese Notizen die einzige Probe, welche er über seine Schmetterlings-Kenntnisse veröffentlicht hat. Und doch würde gewiß Mancher, der sich für einen guten Lepidopterologen hält, froh sein, wenn er Brüggemann’s Kenntnisse in diesem Fache besäße.

Es war mir Bedürfniß, Dir wenigstens diese Zeilen über den traurigen Verlust, den wir in B. erlitten haben zu schreiben. Mir geht es gut; meine sechs Kinder lärmen, während ich dies schrieb, um mich herum und zerstreuen mich gründlich, obgleich der Gegenstand, an den ich dachte, wenig geeignet war, fremde Gedanken aufkommen zu lassen. – Im nächsten Hefte des Kosmos wird ein kleiner Beitrag zur Würdigung der Stellung, welche die Lehre von der geschlechtlichen Zuchtwahl einnimmt, von meiner Feder erhalten sein. Es giebt noch Viele welche die geschlechtliche Zuchtwahl als „Hülfserklärung“ Darwin’s auffassen und sie als fremdartigen Bestandtheil und als außer Zusammenhang mit der natürlichen Zuchtwahl stehend betrachten.

Seit Br. von Jena fort ist, höre ich nur noch wenig von Dir; hoffentlich geht es Dir gut.

In alter Freundschaft

Dein W. O. Focke

a gestr.: doch; b gestr.: lieg; c eingef. mit Einfügungszeichen: bedauerlich, daß dieser; d korr. aus: gefreut; e eingef. mit Einfügungszeichen: außerdem

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
15-04-1878
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1853
ID
1853