Focke, Wilhelm Olbers

Wilhelm Olbers Focke an Ernst Haeckel, Bremen, 21. August 1858

Bremen, d. 21ten August 1858

Theurer Freund!

lange habe ich keine Nachricht erhalten, welche mich so sehr in Verwunderung gesetzt und zugleich so erfreut hätte wie die, welche Dein letzter Brief mir brachte. Ernst Häckel verlobt – das ist mir ein völlig neuer Gedanke, der nicht in meine bisherige Weltanschauung hineinpaßt, der, um mit allen seinen Consequenzen durchdacht zu werden, gewiß einen eben so großen Aufwand von Scharfsinn erfordert, wie das schwierigste philosophische Dogma. Doch über der metaphysischen und psychologischen Bedeutung dieses Ereignisses scheine ich fast das näher liegende humanistische und anthropologische Interesse desselben zu vernachlässigen: vor Allem also meinen herzlichen Glückwunsch zu Deinem schönen Bündnisse. Du hast Dich schon immer mit besonderer Vorliebe mit den höher organisirten Naturproducten beschäftigt, um so mehr Vertrauen verdient daher || Dein gewichtiges Urtheil, wenn Du das vollkommenste von allen gefunden zu haben glaubst und um so stetiger wird das Glück sein, welches Du in dem ewigen Studium desselben a genießen wirst.

In einem hoffentlich recht bald erfolgenden Schreiben von Dir setze ich voraus u. A. auch eine genaue Schilderung Deiner Braut in optischer, akustischer, sensitiver und intellectueller Hinsicht zu finden. Es scheint mir selbstverständlich, daß sie keine andere als die „(sehr nette {d.h. für Naturwissenschaft und Reisen sehr begeisterte} u. intelligente) Cousine“ ist, welche Du Dir in Deinem Briefe so sorgfältig eingeklammert hast. Die betreffende Stelle Deines Briefes in Verbindung mit dem besonderen Interesse für Ankapselung u.s.w., welches Dein Schreiben verräth, regte Dreier und mich zur Aufstellung mannichfaltiger Hypothesen an, deren reelle Begründung u. Verwirklichung uns freilich nicht so nahe erschien.

Dein Brief vom 3/9 hat mir viele Freude gemacht, || obgleich ich Dir eigentlich noch eine tüchtige Dosis canis suilli zugedacht hatte, weil Du mich so lange hast warten lassen. Aber Verliebte sind, wie ich wohl weiß, völlig unzurechnungsfähig, sie begehen ja immer die mannigfaltigsten Verkehrtheiten und so entschuldige ich Dich nicht allein deßwegen, sondern finde es wirklich noch sehr anerkennenswerth, daß Du überhaupt nur geschrieben hast. Es ist eine Lieblingsidee von mir, daß, wie es schon lange Gefängnisse für Verbrecher giebt, wie unser Jahrhundert ordentliche Irrenhäuser für Verrückte errichtet hat, so eine spätere, feiner gebildete Zeit Bewahranstalten für Verliebte gründen wird, da auch diese Kategorie von Menschen zu einen regelrechten Umgange mit Anderen für unfähig zu machen ist.

Ich bin gespannt zu erfahren, in wie weit Dein jetziger Brautstand Einfluß hat auf Deine Pläne, von welchen Du mir neulich berichtet hast. Eigentlich denke ich mir, daß Du mit hellsehendem Blicke in || die Zukunft geschaut und die Möglichkeit jenes Zwischenfalles längst vorher bedacht hast. Auch finde ich die Idee nicht so übel mit der Romantik einer strebenden Jünglingsseele ein Herz zu erobern, und nachher, von weiten Reisen zurückgekehrt, als berühmter Mann sich zu verheirathen. Um indeß nicht mißverstanden zu werden, erlaube ich mir b daran zu erinnern, daß ich für meine Person noch derselbe exaltirte, enthusiastische, fanatische Junggesell bin, wie früher; dagegen bin ich andrerseits kein so einseitiger Doctrinär um meine Dogmen und Maximen überall zur Anwendung gebracht wissen zu wollen, obgleich ich c wiederum nicht verhehlen will, daß ein extrem vernünftelnder Verstand nicht in jedem erfreulichen Ereignisse einen grundgescheidten Einfall erblicken wird. Echt moritzisch verclausulirt – nicht wahr?

Du hast in dem letzten halben Jahre eine schnelle Carriere gemacht und Dir den Rang eines practischen Arztes, die Staatsbürgerschaft und die Anwartschaft auf den Ehestand rasch hintereinander errungen. ||

Fortsetzung. 22/9

Anders ist es bei mir, wie mit den meisten andern Dingen, so geht es auch mit diesen, recht langsam und bedächtig. Allerdings bin ich wirklich schon bald ein Vierteljahr Assistenzarzt am Krankenhause zu Bremen und lasse mich als solcher von ein paar hundert Kranken, Wärtern u.s.w. mit gebührendem Respect betrachten. Dagegen habe ich mein Examen noch durchaus nicht beendet, bin also noch nicht einmal rechtmäßiger practischer Arzt. Man hat den unverzeihlichen Fehler begangen mich zum Assistenten zu ernennen, ehe ich mein Examen beendet u. insbesondere ehe ich meine Fertigkeit im Operiren gezeigt hatte, zu welchem Zwecke man natürlich eine Leiche bedarf. Begreiflicherweise ist aber dieser Artikel seit meinem Amtsantritte unerhört rar geworden. Ich beharre also zunächst in einer Zwitterstellung zwischen einem unverbesserlichen Bummler und einem berühmten Gelehrten und Staatsbeamten, was mich im Grunde weniger grämt als es sollte und mir in etwas veränderter Form viel-||leicht sogar ganz gut behagen würde.

Was mein jetziges Assistententhum betrifft, so finde ich mich darin mit beinahe bewunderswürdiger Ruhe und Ergebung. Wir curiren hier Wechselfieber, Syphilis und Krätze nebst Zubehör, um es bei andern Kranken geh‘n zu lassen, wie‘s Gott gefällt. Ich werde dabei blaß u. mager zum großen Kummer meiner Frau Mama, welche mich im Mai und Juni so hübsch herausgefüttert hatte. Diesen Winter werde ich mich hier nun noch so gut es gehen will, durchschlagen und werde dann im April, falls ich mein Examen bis dahin glücklich bestanden haben sollte, wieder ein freier Mann. Was dann aus mir wird, ist mir noch merkwürdig unklar. Im Allgemeinen führe ich hier ein ziemlich einsiedlerisches Leben fast auf den Umgang mit Dreier und den Geistlichen der Anstalt beschränkt. Das Krankenhaus liegt schon fast auf dem Lande, bis zum Mittelpunkte der Stadt brauchen meine Beine immer eine halbe || Stunde, wenn man daher ausgeht, so bleibt man gleich längere Zeit fort, wozu wieder Urlaub erforderlich ist. Auch haben wir schon deshalb weniger Lust fortzugehen, weil wir nicht zusammen abkommen können, ein Assistent muß immer dableiben. Meistens haben wir reichlich viel zu thun und ich bin daher bis jetzt noch zu nichts Anderem gekommen, als was mein Geschäft mit sich bringt.

Jetzt (25/9) sind es volle acht Tage, die ich an diesem großen Sendschreiben gewirkt habe, täglichd ein paar Minuten, die ich gelegentlich dazu benutzte. Unser Oberarzt ist verreist u. wir müssen seinen Stellvertreter außer unseren gewöhnlichen Visiten überall herumführen, so daß wir unendlich viel Zeit mehr gebrauchen, zumal da zu dieser Hauptvisite Alles vorbereitet sein muß.

Strube ist ein beschäftigter Arzt und hat namentlich als Augenkünstler schon einigen Ruf in der Stadt. Uebrigens hat er auch schon unangenehme Erfahrungen in seiner Wirksamkeit gemacht. Kottmeier hat kürzlich sein Examen || angefangen, Engelken leitet die Irrenanstalt seines verstorbenen Vaters u. besucht uns mitunter, was er um so leichter thun kann, als er eine eigene Equipage besitzt, mittels welcher er ziemlich oft zur Stadt fährt. Er wohnt etwas über eine Meile von der Stadt. Sonst verirrt sich selten Jemand in unsre abgelegne Vorstadt. Die Nachricht von Beckmann‘s Professur hat auch hier allgemeine Theilnahme u. Freude erregt.

Doch heute sollen diese Zeilen wirklich auf die Post, daher schließe ich jetzt mit einem nochmaligen herzlichen Glückwunsche, dem ich noch dene von Dreier beifügen soll. Den Berliner Freunden die herzlichsten Grüße. Hoffentlich erhalte ich binnen nicht allzu langer Frist einige Zeilen von Dir. Deiner Familie meine besten Empfehlungen.

Mit freundschaftlichem Gruße

Dein W.O. Focke.

a gestr.: gefunden; b gestr.: noch; c gestr.: nicht; d korr. aus: einem; e korr. aus: die

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
21-08-1858
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 1830
ID
1830