Anonym

Anonym an Ernst Haeckel, [München], 7. Juni 1872

Hochgeehrter Herr Professor,

Bei der stillen Bewunderung Ihrer grossen wissenschaftlichen Leistungen in der Lehre des Menschen von den Affen kann ich es nicht bewenden lassen; ich muss Sie davon in Kenntniss setzen, dass hier in einem kleinen breternen Theater „die gelehrtesten Hunde der Welt“ zu sehen sehen sind. M. Dendl in München hat sie mit unsäglicher Mühe aber auch mit grosser Liebe u. Güte erzogen u. aus ihnen in der That gemacht das was sie sind: gelehrte Hunde. Schon Schopenhauer behauptete, der Hund sei viel gescheiter u. edler als der Mensch. Merken Sie auf, was diese klugen Thiere Dendl’s alles können. Sie werden staunen u. finden, dass der Hund dem jetz. Menschen an wissenschaftlicher Einsicht u. Kunstbildung noch viel näher steht als der Affe. Sie hätten daher wohlgethan, wissenschaftlich nachzuweisen, dass der Mensch eigentlich vom Hunde abstammt. Diese Dendl. Hunde kennen die Spielkarten, spielen jedes Spiel, rechnen alle 4 Species mit kaufmännischer Genauigkeit, können lesen u. setzen jeden beliebigen Buchstaben zusammen, geben auf jeder Taschenuhr die Zeit auf Stunde u. Minute an, kennen auch die Wür-||fel, alle Geldmünzen, zählen Geld, suchen jede Landesfarbe heraus u. bringen die Fahne, die sich der Zuschauer wünscht. In der Gymnastick [!] haben sie es zu einer bewunderungswürdigen Fertigkeit gebracht, sie tanzen vorzüglich. Sie machen überhaupt ihre Kunstdarstellungen mit der hingebendsten Freude u. wahrhaft herzlicher Bereitwilligkeit, wie ihr so freundliches Gesichtchen so deutlich zu erkennen giebt. Es ist eine Lust ihnen zuzusehen. Sie können auch ein wenig sprechen, viel noch nicht, aber doch etwas. Die gescheiten Thiere merken selbst, dass wenn sie’s erst zum besseren Sprechen gebracht haben, ihnen eine ehrenvolle Carriere sicher ist. Zu solchen Künsten u. Wissenschaften hat’s das Best‘ nemlich der Affe doch noch nicht bringen können, „der Kampf um’s Dasein“ wird vom Pavian nicht so ernst u. beharrlich fortgesetzt, seine Bestialität spielt ihm mitten im Lernen einen argen Streich.

Kommen Sie, Hochgeehrter Herr Professor, sehen Sie sich die merkwürdigen weit geförderten || Thiere an u. werden Sie deren Helfer u. Vertheidiger. Der Hund ist oft viel menschlicher und besser als der Mensch. Welche Treue, welche Klugheit, welcher Scharfsinn, welche Wachsamkeit, welche Anhänglichkeit u. Dankbarkeit, welches feste Gedächtniss, welche Ueberlegung, welche Speculation, welche Phantasie, welches edle Rachegefühl, welche vernünftige Kindererziehungsweisheit im Gegensatz zu der äffischen, welches polizeiliche Spürtalent steckt im Hunde! Der Mensch dagegen ist oft weit hündischer als der Hund. Im Hunde die edelste Natur, das ist keine Frage, u. ich glaube, die Wissenschaft hat es schon bewiesen, vor so u. so viel Millionen Jahren ist einst eine Race Hunde, die aber nur noch in einer Abart vorhanden, auf den Einfall gekommen einen Menschen zu zeugen u. der Mensch war da. Mit ganz ausgezeichneter Hochachtung

Ihr größter Anhänger

Kynidios.

d. 7.6.72.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
07-06-1872
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 18075
ID
18075