Vogt, Carl

Carl Vogt an Ernst Haeckel, Genf, 11. Juni 1870

Genf 11. Jun. 70

Lieber Freund!

Ich muß nur schnell antworten, um einen unheilvollen Irrthum zu zerstören und mich der Grobheit anzuklagen. Morphologie und Schöpfungsgeschichte habe ich beide längst erhalten – ich glaubte, Sie sprächen hinsichtlich letzterer von der zweiten Auflage. Nach Entwicklungsgeschichte der Siphonophoren aber werde ich suchen – was im November und Dezember gekommen ist noch nicht sortirt. In ein Paar Tagen kann ich diese Arbeit unternehmen, jetzt nicht und habe auch bisher keine Zeit dazu gehabt – es liegt noch Alles in Haufen. Jetzt muß ich aber ein Paar Tage Patriot sein, Grütli-Reden halten, Aufzüge arrangiren, Eidgenossen anbrüllen, streitende Menschen versöhnen suchen – kurz des Teufels Metier treiben. Die Republik hat neben viel unangenehmen Seiten auch die ungenehme, daß sie Einen mit allen Haaren packt und nicht losläßt, sobald man einmal ihr einen Zipfel gegeben. Sie ist eben ein Frauenzimmer et La femme, sagt A. Karr, est un engrenage - mettez – y Le petit doigt et vous passerez tout entier.

Im August kann ich noch nicht gehen – die Geologie liegt wie Blei auf mir und ich muß sie erst vom Halse haben. Aber kommen Sie nur Mitte August und dann wollen wir bei einer Tasse Kaffee und einer Cigarre Philosophie und Sprach-Purismus treiben, daß die alten Bäume in meinem Garten vor Verwunderung ihr graues Haupt schütteln werden!

Mit besten Grüßen

Ihr

C.Vogt

Prof. Haeckel | Jena

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
11-06-1870
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17723
ID
17723