Straßburg 5.XII.1873
Lieber Freund
Ich bin von Deinem Briefe sehr erbaut. Wie sehr ich in dem Buche auf Deiner Schulter stehe, weißt Du am besten, und es war für mich keine der geringsten Schwierigkeiten, dies dem lesenden Publicum bis zu einem gewissen Grade zu verdecken. Disposition u. Umfang war davon bedingt. Ich hoffe nun, mehr Freude daran haben zu können, wie ich mich denn auch über die Post Derer von der Gegenseite herrlich amüsire. Unsre älteren Specialcollegen sind unglaubliche Kerle. Ich weiß nicht, ob ich Dir schon von einer Wiesbadener Episode der zoologischen Section schrieb?
Fridolin Landberger erbat ich die Erlaubniß zu einem Hospiz. Er theilte mit, daß es mit dem Steinheimer Planorbis, auf den sich die Descendenzlehre so viel stützte, nichts sei. Die Hilgendorfer Arbeit sei widerlegt, wie man || demnächst des Breiteren lesen würde. Ich konnte als Vorsitzender beobachten, wie bei dieser Botschaft die Gesichter der alten Haiducken (Grube, Proschel, Krause, Focke, Brandt, etc) aus der Gleichgültigkeit in das höchste Wohlbehagen übergingen u. den Debütanten am Schluss mit einer Beifallssalve entliessen. Die Jüngeren, die auf Dich hacken, thun es sicher bewußt oder unbewußt aus Neid. Sie verwinden es nicht, daß die Bewegung an Deinen Namen geknüpft ist.
Wie mir Siebolds Assistent, Dr Graff, mein ehemaliger Schüler, schreibt, wird das I. Heft der Zeitschrift 1874 einen Aufsatz von Metschnikoff über die Spongiengastrula gegen Dich enthalten. Der arme Kerl, der dem Erblinden nahe sein soll, hat schon mancherlei verneint, worin er dann klein beigegeben.
Deinen Infusorienaufsatz habe ich natürlich mit großer Aufmerksamkeit gelesen. Wenn ich sehe, wie viel Du arbeitest, muß ich immer wieder beklagen, daß ich – andern || geht es ebenso – hier zu gar nichts komme. Ich habe täglich 3-4 Stunden fürs Colleg vorzubereiten, da eben fast Alles vorzubereiten ist. Götte steht mir treu bei. Sein Entwicklungsopus (Unke) zieht sich immer mehr hinaus, obschon die Tafeln fast fertig sind. Es wird u.a. sehr wesentliche Ergänzungen zu Gegenbaurs Arbeiten über die Wirbelsäule bringen.
Wie es denn in Heidelberg geht, davon habe ich noch gar nichts gehört. Ich hoffe, ihn Ostern einmal aufsuchen zu können. Mein Plan, den nächsten Winter in Neapel zuzubringen, ist noch unerschüttert.
Meine Frau war sehr ungehalten, daß Dein Brief von Deiner Familie gar nichts berichtete. Laß also auch von ihr einmal etwas einfliessen. Meine Frauen gewöhnen sich doch jetzt etwas besser hier ein. Erich will nächsten || Sommer doctoriren. Er hat sich ganz auf das Germanistische geworfen und denkt ans Habilitiren.
Herzlichen Gruß.
Dein Oscar Schmidt
Meinen Dank an Dr. Koch.