Eduard Oscar Schmidt an Ernst Haeckel, Graz, 8. Februar 1872

Gratz 8. Februar 1872

Liebster Freund

Ich war neulich sehr überrascht, Leuckarts Ablehnung zu lesen, da ich Deine Berufung oder Ablehnung früher erfahren zu meinen glaubte. Dein lieber Brief, den ich heute empfangen, belehrt mich nun, wie die Sachen stehn, und ich spreche Dir zunächst meinen herzlichen Dank für die Art und Weise aus, wie Du für mich eingetreten bist, mag nun Th. v. Roggenbach damit machen, was er will. Ich hätte eine grosse Neigung, einer etwaigen Aufforderung nach Straßburg zu folgen, obwohl ich gerade jetzt alle Ursache habe, hier zufrieden zu sein. Wahrscheinlich werden mir im Sommer die Räume des physiologischen Institutes, da Rollet || ein neues Gebäude bezieht, nebst Dienstwohnung zur Disposition gestellt; aber, wie gesagt, bei annähernd entsprechendem Gehalte gienge ich wohl. Ich bin daher auf einen Brief Roggenbachs sehr gespannt. Ehlers Verdienste sind wahrscheinlich nach der Zahla seiner Kupfertafeln berechnet; mit seinem letzten Hornschwamme hat er sich gewaltig blamirt; das Scelet für das Ganze zu nehmen, ist stark.

Ich habe jetzt einige sehr schöne Beobachtungen über Verkieselung von Spongienzellen gemacht; der gesammte Formenkreis der Esperien- und Desmacidon-Haken geht aus Zellen hervor. Anfang April will ich die Sache in Triest, Venedig u. Istrien weiter verfolgen. Bei dieser Gelegenheit soll auch entschieden werden, ob mit der sicher ins Leben tretenden Uebungsstation in Triest ein Aquarium || zu verbinden ist, was Alles freilich zu dem hiesigen zoologischen Institute eine herrliche Ergänzung gäbe. Meine 84 Zuhörer würde ich in Straßburg wohl auch vergeblich suchen. Doch ceterum censeo – .

Nun noch eins. Mein Sohn will zu Ostern nach Jena gehn, um dort namentlich euren Sanscritmann, die Philologen und eventuell den Germanisten zu hören. Er hat hier im Convent schon einen hübschen Anfang gemacht. Habe doch die Güte, mir sobald als möglich einen Sommer-Lectionscatalog zu schicken, damit er sich orientiren kann und schreibe in einigen Zeilen, wann man dort sein muss, d. h. wann die Vorlesungen factisch beginnen.

An Deine verehrte Frau, Gegenbaur u. Strassburger meine Grüsse! Sollte Roggenbach an mich schreiben, so melde ichs Dir.

Dein

Oscar Schmidt

a eingef.: der Zahl

Brief Metadaten

ID
17532
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Österreich
Entstehungsland zeitgenössisch
Österreich-Ungarn
Datierung
08.02.1872
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
3
Umfang Blätter
2
Format
14,5 x 23,2 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17532
Zitiervorlage
Schmidt, Oscar an Haeckel, Ernst; Graz; 08.02.1872; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_17532