Eduard Oscar Schmidt an Ernst Haeckel, Graz, 27. November 1871

Gratz 27.11.71

Liebster Freund

Ich hatte eben im Archiv für Anthropologie die ganz infame Besprechung Deiner natürlichen Schöpfungsgeschichte von Rütimeyer gelesen, als gestern Dein Brief kam. Gerade von ihm, der so ganz auf der Descendenz fusst, ist mir dieser Angriff unbegreiflich gewesen. Uebrigens brauchst Du keine Kümmerniss zu haben; die Wendung ist geschehen und Dir bleibt ein Verdienst dabei aere perennius. Ich glaube auch, Du hast den Nagel getroffen, wenn Du den blassen Neid hier ins Spiel bringst. Auf Dein Buch freue ich mich wie ein Kind auf Weihnachten; ich werde mich aber, wie ich sehe, noch länger gedulden müssen.

Ich bin seit Jahr und Tag ohne specielle Arbeit; doch erwarte ich in diesen Tagen eine grosse Ladung neuholländischer Spongien von Krauss, deren Bearbeitung interessant zu werden verspricht.

Du willst von meiner italienischen Reise etwas wissen. Fast wage ich nicht zu sagen, dass || ich dieselbe als reiner Sammler gemacht; weder Netz noch Microscop haben mich begleitet. Der einzige Zweck war, meinen Sohn in diese Herrlichkeiten des Südens einzuführen, die ich früher schon einmal genossen. Indessen, Du wirst ja auch diesen Standpunct verstehn und es vielleicht im Laufe der Zeit eben so einmal machen.

Jetzt ist meine Musse auch durch das Decanat beschränkt und Vormittags und Nachmittags eine Vorlesung.

Der demnächst zusammentretende Reichstag wird wohl auch die Kosten zur Nebenstation in Triest bewilligen. Vielleicht hast Du meine Mittheilung in der Neuen Freien Presse gelesen, so wie den offenen Brief des immer zum Schwadroniren bereiten Vogt. Im Ministerium, wo ja mein Freund Stremayr wieder thront, ist man völlig mit mir einverstanden und man meint, wenn einmal ein Anfang gemacht sei, so werde sich die Anstalt auch ausdehnen lassen. Mög-||lich also, dass ich schon Ostern die Einrichtungen beginnen kann. Ich lebe der Hoffnung, dass ich mit Andren auch Dich als willkommenen Gast in unseren Räumen begrüssen kann. Man hat mir jetzt auch einen Assistenten bewilligt. Ob man noch an eine dem Herrn Schmarda zu bereitende Concurrenz in Wien denkt, weiss ich nicht. Und wenn man jetzt daran dächte, so kommt schnell eine neue „neue Aera“ und Alles ist pfutsch!

Meine Frau dankt für Deinen Gruss, war aber über die Kürze der Familien-Notiz gegenüber der Umständlichkeit über die Schwammperei sehr ungehalten. Mein Sohn gedenkt das Sommersemester in Jena zuzubringen und hofft u.a. auch auf ein populäres Darwin-Colleg bei Dir.

An Deine verehrte Frau und an Gegenbaur und Strassburg viele Grüsse.

Dein

Oscar Schmidt

Die Engländer sind ja auf einmal ganz still geworden, nachdem Thomson etc. einen so schönen Anlauf genommen. Höchst || wahrscheinlich gehe ich im April auf 14 Tage nach Zara u. Sebenico und thue Bogdenoff in Moscau den Gefallen, für ihn eine Kiste Spongien zu sammeln. Im Juni will ich zur Ausstellung nach Moscau.

Brief Metadaten

ID
17531
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Österreich
Entstehungsland zeitgenössisch
Österreich-Ungarn
Datierung
27.11.1871
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,5 x 23,3 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17531
Zitiervorlage
Schmidt, Oscar an Haeckel, Ernst; Graz; 27.11.1871; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_17531