Benjamin Vetter an Ernst Haeckel, Dresden, 6. Februar 1890

Dresden,

Schnorrstr. 17.

6. Feb. 90.

Mein hochverehrter Herr

Professor und Freund!

Sie müssen wohl denken, ich sei gestorben, weil ich auf Ihre so überaus freundliche Sendung vom November vorigen Jahres und den begleitenden liebenswürdigen Brief noch mit keiner Zeile geantwortet habe. In den letzten fünf Wochen war es auch wirklich nicht viel anders, als wie wenn ich gestorben wäre, denn eine mehrfach rückfällige Influenza verbunden mit heftigem Bronchialkatarrh, den ich noch immer nicht ganz los bin, hatte || mich so gepackt, daß ich zu gar nichts mehr fähig war. Daß ich aber vorher nicht schrieb, beruhte in der That wesentlich nur auf einer unbegreiflichen Nachlässigkeit, für die ich recht zerknirscht und reumütig um Ihre gütige Verzeihung bitte. Nur nebenbei will ich noch anführen, daß ich freilich die ganze Zeit über gehofft hatte, endlich meine Freiexemplare vom III. Bd. der Soziologie zu erhalten, um Ihnen das Buch schicken zu können (der Druck war schon Anfang November beendigt); wie ich nach Mitteilung von Herrn Koch annehmen darf, sind Sie jetzt bereits im Besitz eines Exemplars. – Und zweitens war ich in jener Zeit sehr || in Anspruch genommen durch die für meine Familie so wichtige Frage, ob ich wieder eine Mietwohnung suchen oder es wagen soll, mit meinen geringen Mitteln ein eigenes Heim zu erwerben: nach langem Suchen entschied ich mich kurz vor Weihnachten für das letztere, und zwar für ein Häuschen am Waldpark in Blasewitz, dessen Parterre wir mit unseren 6 Kindern (am 14. Dezember hatte sich noch ein viertes Mädchen eingestellt!) reichlich füllen, während ich den 1. Stock gut vermieten kann. –

Mit der neuen Auflage Ihrer Schöpfungsgeschichte, die sich ja ordentlich verjüngt hat, haben Sie mir eine große Freude gemacht; mit wahrem Genuß habe ich insbesondere die letzten Kapitel wieder durchgelesen. Und die Deepsea Keratosa sind aber-||mals ein prächtiges Zeugnis Ihrer unermüdlichen Arbeitskraft und Ihres klaren Blickes, das selbst zu besitzen mir von ganz besonderem Werte ist. Empfangen Sie für beides meinen wärmsten herzlichsten Dank!

– Nur zu einem Punkt möchte ich mir eine kleine Bemerkung erlauben. In den „Keratosa“ S. 83 frappierte mich die scharfe Betonung des Satzes, daß physiologische Untersuchungen keinerlei Wert für den Fortschritt der Systematik hätten. Ich meine aber, wenn heute die Verwandtschaftsbeziehungen irgendeiner Tiergruppe festgestellt werden sollen, so hat dies zwar auf Grund bestimmter morphologischer Merkmale zu geschehen; allein die Entscheidung, ob diese oder jene Merkmale für ausschlaggebend, für systematisch wichtiger als andere erklärt werden || dürfen, hängt doch wohl davon ab, daß wir auf Grund unsrer allgemeinen physiologischen Kenntnisse annehmen, letztere hätten sich unter den obwaltenden Verhältnissen weniger konstant erhalten können als erstere; selbst großartige morphologische Unterschiede (z. B. Mangel des Darmkanals bei Cestoden) kommen nicht in Betracht, weil wir überzeugt sind, daß die physiologischen Einwirkungen der Lebensverhältnisse, denen die betreffende Gruppe ausgesetzt war, gerade auf jenes Organsystem in dem hier konstatierten Sinne sich geltend machen mußten. Und wenn hinsichtlich einer morphologisch schon recht gut erforschten Gruppe noch Zweifel über ihre systematische Stellung bestehen, so liegt dies doch gewöhnlich daran, daß wir die physiologischen Verhältnisse dieser Tiere noch nicht || genügend kennen, d. h. noch nicht wissen, welche Teile einer Neuanpassung, Umbildung, Rückbildung unterworfen gewesen sind, welche nicht. In diesem mehr negativen Sinne glaube ich die vergleichende Physiologie als wertvoll und unentbehrlich für phylogenetische Forschungen halten zu wollen –: sie hat gewissermaßen aus dem Bezirk der morphologischen Betrachtung auszuscheiden, was bei dieser nicht mit ins Gewicht fallen darf. Natürlich ist dieser Standpunkt weit entfernt von den unklaren Ansichten Polyéjaeff’s; es ist im Grunde ganz der Ihrige und der jedes Morphologen, – und ich wollte mir nur erlauben, Sie hiermit auf eine Stelle aufmerksam zu machen, wo das an sich unbestreitbare Prinzip wie mir scheint etwas zu einseitig betont ist. ||

Daß ich zum Schlusse ja nicht vergesse, Ihnen noch meine Freude auszudrücken über das das ausgezeichnete, Ihr Wesen so getreu wiedergebendes Bild, das diesmal den I. Bd. der Schöpfungsgeschichte schmückt!

Mit nochmaligem herzlichen Danke und den freundlichsten Grüßen bin ich

Ihr stets dankbar ergebener

B. Vetter.

Brief Metadaten

ID
17493
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
06.02.1890
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
7
Umfang Blätter
4
Format
14,2 x 21,9 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17493
Zitiervorlage
Vetter, Benjamin an Haeckel, Ernst; Dresden; 06.02.1890; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_17493