Benjamin Vetter an Ernst Haeckel, Kötzschenbroda, 11.-12. Juli 1889

Kötzschenbroda bei Dresden,

Alt-Friedstein 11/7a 89.

Hochverehrter Herr Professor!

Von meinem Bruder in Zürich erhalte ich soeben auf meine Anfrage hin die Nachricht, daß „die Fakultät dieser Tage ihre Eingabe an den Erziehungsrat beschlossen und 4 Namen in Vorschlag gebracht habe“, darunter Lang in erster, mich in zweiter Linie. Es handelt sich offenbar um die Wiederholung des im vorigen Jahr unterbliebenen (oder nicht durchgedrungenen?) Antrages der philosophischen Fakultät, neben Frey’s zoologischer Professor (in der medicinischen Fakultät) eine zweite zu schaffen. Dieselbe wird jedenfalls eine außerordentliche sein, mit nur mäßiger Besoldung. Doch zweifle ich nicht, daß Lang, der jedenfalls gewählt werden wird und durch den Sie wohl auch bereits besser von diesen Dingen unterrichtet sein werden, die Stellung annehmen wird, da sie immerhin eine gewisse Verbesserung für ihn bedeuten || und Aussichten auf weiteres bieten dürfte. Ich werde daher wohl auch gar nicht in die Lage kommen, Ihre Güte für die Ausstellung einer Empfehlung nach Zürich überhaupt abermals in Anspruch zu nehmen. Dagegen wecken diese Umstände den lebhaften Wunsch und die Hoffnung in mir, ob ich etwa Lang’s Nachfolger in der Ritter-Professur werden könnte. Ich würde diese Stellung, auch wenn sie mit einem etwas geringeren Gehalt, als ich ihn hier beziehe (2400 M.), verbunden sein sollte, doch als eine entschiedene Verbesserung meiner Lage, vor allem als ein hoch zu schätzenden Beweis Ihres Vertrauens betrachten und mich sehr glücklich schätzen, im Verein und im täglichen Verkehr mit Ihnen als Lehrer an der mir so teuren Jenenser Universität thätig sein zu können. Daß ich meine ganze Kraft einsetzen und in jeder Hinsicht bemüht sein würde, diesen ehrenvollen Posten würdig und Ihren Absichten entsprechend auszufüllen, glaube || ich Ihnen nicht erst versichern zu müssen. Von außerordentlichem Werte wäre es mir natürlich auch, durch die Verbindung mit Ihnen und durch die Stellung am Museum wieder mehr zur eigenen Arbeit am Objekt, zur Vornahme von selbständigen Untersuchungen zu kommen, überhaupt in wirklich wissenschaftlicher Umgebung wiederaufzuleben.

Selbstverständlich kann es mir nicht einfallen, der Freiheit Ihrer Entschließung gerade bei Besetzung dieser so wichtigen Stelle irgendwie vorgreifen zu wollen; ich begreife vollkommen, daß mancherlei Erwägungen in Frage kommen können, die für einen anderen Bewerber noch stärker oder die direkt gegen mich sprechen. Meine Absicht war nur, Ihnen zu sagen, welch’ großes Glück und hohe Ehre ich darin erblicken würde, wenn Ihre Wahl auf mich fallen könnte. ||

Ich schreibe hier in unserem Landaufenthalt (in der Lößnitz), den wir der Kinder wegen für 4 Monate bezogen haben und wo sich in der That alle sehr wohl fühlen. Die Verbindung mit der Stadt, für mich und unsern ältesten Jungen, ist sehr bequem, wir haben 25 Züge täglich in jeder Richtung zur Benutzung!

Den 12./7, früh. Eben schreibt mir mein Bruder, daß in Zürich vom Erziehungsrat erst beschlossen werden müsse, ob die Universität mit dem Polytechnikum zur Errichtung einer zoologischen Professor sich vereinigen wolle; wenn dies bejaht sei, so hätten erst die Verhandlungen mit der Bundesbehörde zu beginnen, so daß jedenfalls die Besetzung der Stelle noch einige Zeit auf sich warten lassen werde.

Indem ich Sie bitte, Prof. Lang freundlich von mir zu grüßen, bleibe ich, mit den besten Wünschen für Ihre und der werten Ihrigen Wohlergehen

Ihr aufrichtig ergebener

B. Vetter.

a korr. aus: 6

Brief Metadaten

ID
17492
Gattung
Brief ohne Umschlag
Entstehungsort
Entstehungsland aktuell
Deutschland
Entstehungsland zeitgenössisch
Deutsches Reich
Datierung
11.07.1889
Sprache
Deutsch
Umfang Seiten
4
Umfang Blätter
2
Format
14,2 x 22,2 cm
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17492
Zitiervorlage
Vetter, Benjamin an Haeckel, Ernst; Kötzschenbroda; 11.07.1889; https://haeckel-briefwechsel-projekt.uni-jena.de/de/document/b_17492