Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 15. Februar 1916

Physiologisches Institut

Bonn, 15.II.16.

Nuss-Allee 11.

Hochverehrter Herr Professor!

Wiederum naht sich der 16te Februar und mit ihm Ihr alter Schüler, um Ihnen zu diesem Tage seine allerherzlichsten Glückwünsche darzubringen. Möchte das neue Lebensjahr Sie dauernd in so guter Gesundheit und Frische sehen, wie ich Sie bei meinem letzten Besuch in Jena gefunden habe! Und möchte dieses Jahr auch endlich wieder ein Friedensjahr werden!

Im vorigen Herbst bin ich leider nicht nach Jena gekommen, da ich in den grossen Ferien erst mehrere Wochen mit unserem Bonner Lazaretthzug nach Belgien und Nordfrankreich gefahren bin, wo ich mir die Wirkungen des Krieges || einmal selbst mit eigenen Augen ansehen wollte, und dann mit meiner Frau und Nichte noch einige Wochen in den alten Städten Süddeutschlands Frieden geschlemmt habe, was uns wunderbar gut gethan hat. Dann habe ich Mitte October das Decanat meiner Facultät übernehmen müssen und so ist Jena diesmal zu kurz gekommen.

Leider bin ich Mitte December infolge starker Überarbeitung erkrankt und habe mich seitdem sehr schonen müssen. Jetzt fühle ich mich zwar wieder etwas besser, aber darf mir noch immer nichts zumuthen. In den Osterferien soll ich einmal für 4–6 Wochen vollständig ausspannen, was mir ein äusserst unbehaglicher Gedanke ist und mir sehr sauer werden wird, da mich der Arzt in irgend ein Bad zu verfrachten gedenkt, wo ich vor Langerweile nicht weiss, wo ich mich lassen soll.

Inzwischen hatte ich vor kurzem einen Ruf nach Leipzig auf Herings Lehrstuhl, habe mich aber doch entschlossen, in Bonn zu bleiben. Der Entschluss ist mir sehr schwer geworden, || denn Leipzig als grosse Stadt bietet doch sehr viel, was man hier in Bonn nicht hat. Auch pecuniär wäre die Leipziger Stelle viel günstiger gewesen. Aber die Institutsverhältnisse und die Wohnungsfrage geben den Ausschlag. Beides ist hier in Bonn doch unvergleichlich besser als in Leipzig. Hätte ich von Jena oder auch von Göttingen aus nach Leipzig kommen können, dann wäre ich sogar zu Fuss hin gegangen. Jetzt ist dieser Zeitpunkt verpasst gewesen und ich bleibe lieber in meinem Bonner Institut, das ganz nach meinen Wünschen eingerichtet ist, und in meiner geradezu idealen Dienstwohnung mit ihrer schönen freien Lage.

Da ich vorläufig keine Berge steigen soll, weiss ich noch nicht, wann ich wieder einmal nach Thüringen, an dem ich so hänge wie an einer zweiten Heimath, kommen werde. Ich hoffe in den Sommerferien. Dann hoffe ich auch Sie wieder in alter gewohnter Frische und Rüstigkeit anzutreffen.

Inzwischen bleibe ich nochmals mit den herzlichsten Grüssen und Glückwünschen zugleich von meiner Frau stets in alter Dankbarkeit

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1916
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17453
ID
17453