Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 14. Februar 1915

Bonn, 14.II.15.

Hochverehrter Herr Professor!

Ein Jahr ist vergangen, seitdem wir Ihnen zu Ihrem grossen Ehrentage unsere Glückwünsche darbrachten. Da möchte ich heute diese Wünsche recht herzlich erneuern und die Hoffnung aussprechen, dass Sie Ihren 81sten Geburtstag und das ganze neue Lebensjahr trotz der schweren Zeiten, in die es fällt, in alter bewährter Frische und Gesundheit begehen möchten, ein Wunsch, dem sich meine Frau von Herzen anschliesst. Wieviel hat sich in diesem einen Jahr geändert! Wer hätte im || vorigen Februar daran gedacht, dass gerade unter den Kulturvölkern Europas ein solcher Krieg mit allen seinen fürchterlichen Folgen ausbrechen würde! Ich muss ehrlich gestehen, dass ich selbst bis zum Tage der Mobilmachung nicht an einen wirklichen Ausbruch des Krieges glauben wollte trotz der schwülen politischen Atmosphaere der Julitage. Nun ist es doch geschehen. Die Thatsachen haben unsere Überzeugungen über den Haufen geworfen und wir müssen uns wie immer und überall mit der Wirklichkeit abfinden. Dass Sie an Ihrem 82sten Geburtstage wieder ein friedliches Bild von Europa vor Augen haben möchten, welches uns unser Vaterland durch einen glänzenden Sieg zu Wasser und zu Lande errungen hat, das ist mein heissester || Wunsch zu Ihrem Geburtstage in diesem Jahre.

Ich habe Sie über ein Jahr nicht gesehen. Man hat jetzt keinen Sinn für das Reisen. Aber es ist doch nothwendig, dass man grade in diesen Zeiten einmal aus seinem täglichen Einerlei von Zeitungen, Kriegstelegrammen und Trauernachrichten herauskommt, um Luft zu schöpfen und sich durch andere Eindrücke ein wenig für neue Arbeit zu erfrischen. So hoffe ich Sie in den Osterferien, etwa im April wieder einmal in Jena, hoffentlich in guter Gesundheit anzutreffen. Das Semester ist auch hier anstrengend gewesen, mehr als sonst, infolge der Vertretungen und des Mangels an Assistenz. Obwohl die Studentenzahl geringer war als sonst, war die Arbeit doch grösser, weil ich || alles selbst machen musste. Ausser einem Diener ist für mich keine Assistenz vorhanden gewesen, während ich sonst 5 Assistenten und 2 Diener brauche. Dafür ist der Mangel an Assistenz reichlich durch die grosse Zahl von Vorlesungen compensiert worden! Ich musste auch für die Landwirthe Vorlesungen halten. Aber schliesslich ging es doch. Immerhin freue ich mich jetzt auf ein wenig Erholung in den Ferien.

Also hoffentlich auf baldiges gesunden und durch grosse Erfolge verschöntes Wiedersehen! Inzwischen herzlichste Grüsse von Haus zu Haus.

Immer

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-02-1915
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17452
ID
17452