Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 15. Februar 1913

Physiologisches Institut

Bonn, Nuss-Allee 11, 15.II.13.

Hochverehrter und lieber Professor!

Zum morgigen Geburtstage sende ich Ihnen zugleich im Namen meiner Frau die allerherzlichsten Glückwünsche. Wir hoffen beide, dass die Beschwerden, die Ihnen das Bein gemacht hat, inzwischen so weit erträglich geworden sind, dass Sie sich im kommenden Lebensjahr wieder ganz dem lang entbehrten Genuss der Natur werden hingeben können, und dassa sich Ihre ewig jugendliche Frische und Lebensfreude auch in Zukunft bewähren wird, wie sie es bisher gethan hat. Das wünschen wir beide von Herzen. Wenn Sie Ende April in Jena sein sollten und nicht etwa den sonnigen Süden aufgesucht haben, dann hoffe ich mich wieder persönlich von Ihrem Wohlergehen überzeugen zu können. Vorher werde ich wohl nicht aus Bonn fortkommen, denn es liegt ein Berg von || Arbeiten vor mir, von dem ich einen grossen Theil in den Osterferien erledigen möchte.

Als ich im October in Thüringen war, ist leider mein Besuch in Jena durch einen Unfall vereitelt worden. Ich bin in Dornburg auf einem felsigen Wege ausgerutscht und habe mir dabei, ohne überhaupt zu fallen, durch eine unglückliche Compensationsbewegung den Quadriceps des linken Oberschenkels fast vollständig durchgerissen, so dass ich das linke Bein wochenlang überhaupt nicht activ bewegen konnte. Jetzt ist aber die Muskelwunde wieder vollständig geheilt und ich bemerke kaum noch etwas von Beschwerden beim Gehen.

Unser Haushalt ist nun seit dem Tode meiner Schwägerin ein wenig gewachsen dadurch, dass wir unsere Nichte bei uns behalten haben. Es ist ein sehr liebes nettes Kind von 12 Jahren, dem nur die Schule noch einige Schwierigkeiten macht, da sie leider noch nicht Deutsch gelernt hatte. Wir hoffen sie nun dauernd bei uns behalten zu können, auch wenn der Vater, der noch in Amerika lebt, der aber ein durchaus || herunter gekommener Mensch ist, Ansprüche auf sie machen sollte. Durch unsere Nichte kommt etwas mehr Leben in die grossen, sonst sehr einsamen Räume der riesigen Dienstwohnung.

Mit grossem Interesse habe ich die mächtige Entwicklung des „Monisten-Bundes“ verfolgt, die besonders durch die äusserst gestärkte und thatkräftige Leistung Ostwalds einen starken Impuls erhalten hat. Das „Monistische Jahrhundert“ bringt Aufsätze von Ostwald, die mir wie aus der Seele geschrieben sind und ich bewundere immer mehr, wie sein weiter Blick ihn in die Lage versetzt, auf den heterogensten Gebieten und in den verschiedenartigsten Fragen immer ein sicheres und treffendes Urtheil zu äussern. Einen kleinen, bescheidenen Beitrag habe ich zu Ihrem Geburtstage auch für das „Monistische Jahrhundert“ geschrieben und ich denke, dass mein Standpunkt in der Frage, die ich behandele, auch Ihren Beifall finden wird.

Indem ich Ihnen nochmals meine herzlichsten Glückwünsche || zum Geburtstage und für das kommende Jahre wiederhole, bleibe ich mit vielen Grüssen zugleich von meiner Frau stets

Ihr getreuer

Max Verworn.

a eingef. mit Einfügungszeichen: dass

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1913
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17450
ID
17450