Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Bonn, 15. Februar 1912

Bonn 15.II.12.

Hochverehrter Herr Professor!

Zum morgigen Geburtstage möchte ich Ihnen die herzlichsten Glückwünsche für das kommende Lebensjahr senden. Vor allem wünsche ich Ihnen, dass das neue Lebensjahr Ihnen ein freundlicheres Gesicht zeigen möchte, als das vergangene, und dass es das, was das verflossene schlecht gemacht hat wieder vollständig ausbessern möchte, soweit es nicht schon geschehen ist. Als ich zuletzt im August bei Ihnen war, waren Sie zwar mit den Leistungen des Beins noch nicht zufrieden, aber ich fand doch zu meiner grossen Freude, dass Ihre jugendliche Frische und Ihr Humor wieder die Oberhand gewonnen || hatten, und das ist für Sie und für uns alle die Hauptsache. Inzwischen hoffe ich nun, dass wieder alles sich gebessert hat und dass das Bein Ihnen ebenfalls keine Sorgen mehr machen wird. Jedenfalls wünsche ich das mit meiner Frau von ganzen Herzen. Ich denke auch, dass ich, wenn ich Sie im April in Jena treffe, mich selbst davon werde überzeugen können.

Wir haben beide eine Zeit hinter uns, die ungemein reich an mannigfaltigen Eindrücken war. Unsere 3-monatliche Reise nach Amerika hat uns so viel neues, interessantes und manchmal auch schönes gebracht, dass wir noch lange davon zehren werden. Freilich war die Zeit im Osten durch die viele Arbeit, die meine Vorlesungen mit sich brachten, sehr anstrengend. Als dann aber die Arbeit und die Festlichkeiten in den Universitäten beendigt waren, sind wir beide in die Wüste nach Arizona gegangen und Wüstlinge geworden. Wir haben dort unter anderem 1½ Wochen || allnächtlich unter freiem Himmel geschlafen bei 5–6° C. unter Null, ohne Zelt, nur in Decken gehüllt und auf hartem Boden. Dabei haben wir fern von aller Cultur die Indianer-Pueblos besucht und ethnologische und physiologische Studien gemacht. Das war eine zwar für meine Frau etwas strapaziöse, aber ebenso interessante Zeit, die ihr ebenso wie mir ausserordentlich wohl gethan hat. Die Wüste mit ihrem Farbeneffecten und mit der ganzen Romantik des Reisens ist doch das Schönste, was ich auf der Erde kenne und die alte Sehnsucht nach der arabischen Wüste, an die sich für mich die schönsten Erinnerungen knüpfen, ist wieder ganz besonders lebhaft geworden. Nachher sind wir durch ganz Californien längs der Küste des stillen Ozeans bis nach Seattle im Nordwesten der Vereinigten Staaten gefahren, wo eine Schwester meiner Frau lebt, die sie seit unserer Verheiratung nicht mehr gesehen hat, und von Seattle dann zur See nach Vancouver, um von hier durch die Gletscherwelt der Rocky-Mountains und ganz Canada wieder nach || dem Osten zurückzukehren. Bei der Rückkehr nach Bonn zu Neujahr lag aber so viel Arbeit aufgespeichert, dass ich bis jetzt noch nicht dazu gekommen bin, die vielen neuen Eindrücke zu verarbeiten. Wir werden daher auch die Fastnachtsferien, mit denen uns die alleinseeligmachende Kirche in der nächsten Woche so liebevoll beschenkt, in Ruhe in Bonn verbringen, und auf den Carnevalszauber werden wir verzichten, um uns in unsere Reiseerinnerungen zu versenken.

Mit dem Wunsche, dass Sie Ihren Geburtstag in recht froher Stimmung verleben möchten, bleibe ich zugleich mit herzlichen Grüssen von uns beiden an Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1912
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17449
ID
17449