Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Göttingen, 17. Juli 1902

Göttingen 17.VII.02.

Hochverehrter Herr Professor!

Es ist nun schon wieder so lange her, dass ich zuletzt in Jena war, und doch bin ich bisher nie dazu gekommen, Ihnen ein Lebenszeichen zu schicken. Das Semester war für mich sehr arbeitsreich oder vielmehr ist es noch, denn wir haben ja noch 3 Wochen bis zu den Ferien. Riesig viel Zeit hat mir die Zeitschrift weggenommen. Da ich von allen Arbeiten die Correcturbogen selbst lese, habe ich fast alle Tage einige Stunden mit dieser anmuthigen Beschäftigung zuzubringen, ganz abgesehen von der enormen Correspondenz, die die Zeit- || schrift mit sich bringt. Ich bin jetzt so weit, dass der Gedanke des Briefschreibens mir direkt ein körperliches Unbehagen verursacht. Sehr oft habe ich mir die Frage vorgelegt, wie Sie es wohl machen, um Ihre Correspondenz, die doch noch viel ausgedehnter ist, zu erledigen und doch noch dabei Zeit zum eignen Arbeiten übrig zu haben. Ich habe schon seit langer Zeit wieder meine alte Praxis begonnen, Morgens um ½5 aufzustehen. Dann sitze ich schon um 5 zur Arbeit am Schreibtisch und ich muss sagen, dass mir das die liebsten Stunden am Tage sind. Ohne sie würde ich eigene Arbeit kaum noch zu stande bringen, denn die übrige Zeit des Tages verschlingt das Institut, Colleg, die Zeitschrift und die entsetzliche Schlemmerei, die hier epidemisch ist. Augenblicklich bin ich an einer weiteren Ausarbeitung einer Hypothese über die Vorgänge || in der lebendigen Substanz und schreibe jeden Morgen mein Pensum daran. Aber da ich ein sehr langsamer Schreiber bin, so zieht sich das Ding sehr in die Länge. Ich hoffe, dass ich im Beginn der Ferien damit fertig werde und glaube, dass die Arbeit auch Ihr Interesse finden wird. Im Institut sind wir mit allgemeinen Fragen des Nervensystems beschäftigt. Wenn noch eine Anzahl von Einzelheiten experimentell erledigt wird, denke ich eine „allgemeine Physiologie des Nervensystems“ zu schreiben, die jetzt mein nächstes grösseres Unternehmen bilden soll. Aber es wird noch lange dauern, bis ich damit abschliessen kann.

Was werden Sie in den grossen Ferien unternehmen? Und wann werden Sie in Jena sein? Ich dachte wenigstens wieder auf eine oder zwei Wochen nach Jena zu kommen, falls meine Gelder dazu ausreichen. Eine grössere Reise ist in diesem Jahre mit Rücksicht auf das || Finanzministerium ganz ausgeschlossen. Das erste Jahr in Göttingen ist enorm theuer gewesen und ich sehe, dass wir hier überhaupt viel schlechter auskommen als in Jena, wo wir garnichts hatten. Göttingen bietet gar nichts, ist aber dafür unverschämt theuer. Wohnung, Lebensmittel etc kosten das Doppelte bis Dreifache als in Jena. Jetzt, wo das Semester sich dem Ende nähert, wird auch die Sehnsucht nach Jena wieder stärker. Es kommt jetzt die Zeit, die ich in der Natur am liebsten habe, die Zeit der schönen Spaziergänge. Ich bin dann in Gedanken immer an den liebgewordenen Orten in der Nähe von Jena. Hier habe ich noch keinen Ort, der mir ans Herz gewachsen wäre. Wir können uns hier nicht einleben. Dass ich nach Innsbruck hätte gehen können, habe ich Ihnen wohl mitgetheilt. Aber was soll man unter so kläglichen politischen und kirchlichen Intrigen anfangen? Die dortigen Verhältnisse können einem die schönste Natur verekeln. Dann ist Göttingen schließlich immer noch besser.

Mit der Bitte, alle Freunde in Jena, von denen ich auch lange nichts gehört habe, vielmals zu grüssen bleibe ich gleichzeitig mit vielen Grüssen von meiner Frau an Sie und Ihre Frau Gemahlin in herzlicher Verehrung

Ihr getreuer Max Verworn.a

a Text weiter am oberen Rand von S. 4: ich … Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
17-07-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17435
ID
17435