Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Göttingen, 15. Februar 1902.

Göttingen 15. Feb. 1902.

Hochgeehrter Herr Professor!

Zunächst meine herzlichsten Glückwünsche zum Geburtstage, denen sich meine Frau mit den ihrigen anschliesst. Möchte das neue Lebensjahr Ihnen vor allem Ihre ungetrübte Gesundheit und Frische erhalten und Ihnen wieder neue Freuden der wissenschaftlichen Arbeit bescheeren.

Ich hatte bis gestern die Absicht, Ihnen meine Geburtstagswünsche persönlich zu überbringen und für 2 Tage zu diesem Zweck nach Jena zu fahren. Leider aber bin ich || durch eine Facultäts-Sitzung, die gestern Abend in meiner Wohnung stattfand, verhindert worden, gestern schon abzufahren und da ich am Montag früh wieder Vorlesung habe, wäre meine Fahrt doch etwas zu kurz ausgefallen, denn ich hätte am Sonntag um 1 Uhr schon wieder von Jena abreisen müssen.

Mir thut diese Vereitelung meines Planes um so mehr leid, als ich von Leo Schultze und Biedermann gehört habe, dass Sie wegen der Einleitung in die Zeitschr. f. allg. Physiologie einen Missmuth gegen Ihren alten Schüler gefasst haben. Wäre ich persönlich in Jena gewesen, so wäre derselbe sicherlich sofort zerstreut worden. So aber || bin ich auf die durchaus unzureichende und unbeholfene Briefform angewiesen, um Ihnen zu versichern, dass meine Verehrung für meinen alten Lehrer, dem ich soviel verdanke, auch nicht um das Geringste sich verändert hat. Es hat mir weh gethan von Leo Schultze zu hören, dass Sie das von mir glauben konnten. Ich nahm an, Sie kennten mich durch den langjährigen Verkehr in Jena zu gut dazu, und es ist mir schmerzlich, mich gerade Ihnen gegenüber in diesem Punkte überhaupt vertheidigen zu müssen. Wir haben ja so oft über die psychologischen Fragen gesprochen besonders im Anschluss an die „Welträthsel“ und ich bin mir nicht bewusst, in der Einleitung || meiner Zeitschrift einen anderen Standpunkt eingenommen zu haben, als den, den ich Ihnen persönlich schon oft gekennzeichnet hatte. Ich bin weit davon entfernt meine Vorstellung von dem Verhältnis der Körperwelt zur Psyche als eine absolut wahre und fertige zu halten, denn was ist überhaupt absolut wahr? Aber sie ist diejenige Vorstellung, die ich auf Grund meiner individuellen Kenntnisse und Überlegungen mir mit bestem Wissen und Gewissen auf die consequenteste gebildet habe. Es mag sein, dass ich sie selbst auf Grund weiteren Erfahrungen wieder ändern muss und weiter entwickeln muss, aber jedenfalls ist sie augenblicklich der Ausdruck meiner aufrichtigsten Überzeugung auf wissen- || schaftlichem Gebiet. Die Schlussfolgerungen, die mich dazu geführt haben, habe ich Ihnen ja öfters ausführlich dargelegt und ich habe gefunden, dass Ziehen auf einem wesentlich anderem Wege, doch ganz unabhängig von mir (wie ich von ihm) zu principiell derselben Vorstellung gekommen ist. Wenn diese Vorstellung von Ihrer Anschauung in manchen Punkten abweicht, so liegt es mir selbstverständlich fern zu entscheiden, welche von beiden die zutreffende ist, denn das kann nur eine späte Zukunft vielleicht beantworten, aber jedenfalls, das betone ich nochmals, ist diese Vorstellung, die ich mehrfach entwickelt habe, meinem besten Wissen und Gewissen entsprungen. Was würden Sie von einem Menschen denken, der seine || wahre Überzeugung verleugnen wollte? Würden Sie sich über einen solchen Schüler freuen? Ich habe es mit tiefem Schmerz und Widerwillen gesehen, dass dieser oder jener, der mit Ihnen in Berührung kam, nicht so gedacht hat. Ich glaube aber nicht, dass das die besten Elemente sind, an Charakter, in dem Kreise Ihrer Verehrer. Ein Mann, der eine so ungeheure wissenschaftliche Arbeit verrichtet hat, wie Sie, wird naturgemäss auch hier und da unter der Fülle von Anschauungen und Ideen einzelne haben, mit denen andere, selbst kleine bescheidene Geister nicht übereinstimmen. Das thut Ihrer Verehrung für Sie aber keinerlei Abbruch. Ich habe, wenn ich in einem Punkte einmal || anders dachte, wie Sie, Ihnen gegenüber nie ein Hehl daraus gemacht, sei es dass es sich um Anschauungen über Menschen oder wissenschaftliche Dinge handelte, und ich habe immer das Gefühl gehabt, dass Sie mich genügend kennten und mich an Charakter darum nicht weniger achteten. Sollte das jetzt anders geworden sein? Ich kann es mir nicht denken und ich hoffe, dass wenn ich zu Ostern nach Jena komme und Sie dort treffe und wir uns wieder ins Gesicht sehen, dass dann Ihr Unmuth verflogen sein wird.

In dieser Hoffnung bleibe ich stets

Ihr getreuer Schüler

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
15-02-1902
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17434
ID
17434