Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Göttingen, 25. Oktober 1901

Göttingen 25. Oct. 1901.

Hochverehrter Herr Professor!

Ich muss Ihnen heute in einer merkwürdigen Angelegenheit eine Bitte vortragen. Vielleicht habe Sie erfahren, dass hier in Göttingen ein Theologe, Privatdocent Lic. Otto ein Publicum über die „Welträthsel“ lesen wird. Es wird Ihnen das ja nicht mehr auffallen, nachdem so viele Theologen auf Ihr Buch reagiert haben. Herr Otto ist hier als ein Mann von äusserst vornehmer und anständiger Gesinnung und als wirklich liberaler Theologe (in unserem Sinne) bekannt. Ich selbst habe ihn näher kennen || gelernt als einen sehr tiefen und ernsten Denker, der mehr philosophische Neigungen zu haben scheint als theologische im gewöhnlichen Sinne. Jedenfalls ist er mir ein sehr interessanter Mensch, der allein die Wissenschaft im Auge hat und ihre Probleme in ernstem Denken auf originellen Wegen zu behandeln sucht. Dass Otto das Colleg angezeigt hat, um auf Ihr Buch zu schimpfen ist seinem ganzen Character und seinen wissenschaftlichen Ansichten nach völlig ausgeschlossen. Soviel über seine Charakteristik.

Herr Otto hat nun, um seinen Zuhörern Gelegenheit zu geben, Ihr Buch selbst genauer kennen zu lernen, die Idee gehabt, ein paar Exemplare unter ihnen circulieren zu lassen, und hat daher an Ihren Verleger || geschrieben mit der höflichen Anfrage, ob er vielleicht ein paar Exemplare zur Verfügung stellen würde, die Otto ev. wieder zurückschicken könnte. Diese Anfrage war ja vielleicht nicht sehr geschickt, da er sich sagen musste, dass ein Verleger nicht gern Bücher umsonst hergiebt.

Als Antwort erhielt Herr Otto den beiliegenden Brief, um dessen Rücksendung ich Sie freundlichst bitte. Mir sind unter einigermassen gebildeten Menschen derartige Verkehrsformen nicht bekannt. Indessen werden Sie selbst am besten urtheilen. Übrigens scheint es mir, als ob das Verfahren des Verlegers auch in praktischer Hinsicht nicht geschickt war, denn da das Publicum des Herrn Otto aus Hörern aller Facultäten besteht, so bin ich überzeugt, dass || die Lectüre Ihres Buches viele dazu veranlasst hätte, sich dasselbe selbst anzuschaffen.

Die Annahme aber, die der Verleger hinsichtlich des Herrn Otto macht und die ihm den Anlass zu seinem eigenthümlichen Schluss liefert, trifft bei keinem weniger zu als bei Herrn Otto. Otto hat unter anderem eine höchst abfällige Kritik über das confuse Buch von Reinke geschrieben, obwohl dasselbe sich gerade auf den theologischen Standpunkt stellt.

Meine Bitte ist nun die, dass Sie Ihrem Herrn Verleger klarmachen möchten, dass seine Auffassung der Motive des Herrn Otto eine durchaus falsche war. Vielleicht findet er dann selbst den richtigen Weg einer Correctur seines Verhaltens. Ich habe nichts dagegen, wenn Sie ihm zu reiner Information meine vorstehenden Zeilen über Herrn Otto der Kürze halber übersenden.

Ihr ergebener

Max Verworn.

Es thut mir so leid, dass ich Ihre Zeit mit einer so unangenehmen Sache in Anspruch nehme und ich hoffe nur, dass Sie mir deswegen nicht zürnen. Meine Bitte entspringt nur daraus, dass ich es für verwerflich halte, wenn ein durchaus ehrenvoller Mann auf leichtfertige Weise in einen falschen Verdacht gebracht wird.

Vor etwa 14 Tagen bin ich endlich von meiner langen Irrfahrt wieder in Göttingen gelandet. Ich habe namentlich Italien wieder richtig genossen und eine Fülle schöner Eindrücke mitgebracht. Alles erinnerte mich lebhaft an meine erste italienische Reise vor 11 Jahren. Die Congresse waren weniger angenehm, aber ich musste sie || diesmal als Geschäftsreisender für die neue Zeitschrift alle pflichtgemäss besuchen. Der Erfolg in dieser Hinsicht war auch ganz gut und so habe ich mein reichhaltiges Ferienprogramm von A bis Z zur Zufriedenheit erledigt.

Augenblicklich bin ich für einige Tage in Magdeburg um hier Vorträge zu halten. Ihnen müssen die Ohren täglich klingen, denn ich spreche mit Herrn Haese und anderen Lehrern hier täglich von Ihnen und Jena. Jetzt ist so die Zeit wo man in Jena den Herbst in der Natur geniessen kann, die schönste Jahreszeit für mich. Das ist nun nicht mehr möglich.

Mit der Bitte, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin bestens zu empfehlen und Leo Schultze zu grüssen bleibe ich in alter Verehrung

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25-10-1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17432
ID
17432