Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Göttingen, 16. Juni 1901

Göttingen 16. Juni 01.

Hochverehrter Herr Professor!

Heute erst komme ich dazu, Ihnen für die Schweizerhöhenkarte, über die ich mich sehr amüsiert habe und für die Fortsetzung von „Insulinde“, die wir beide mit grossem Interesse verfolgt haben, zu danken. Ich benutze den Sonntag Vormittag zu meinem Brief, obwohl ich eigentlich heute etwa 18 Gegenbesuche zu machen hätte, die ich bereits seit 6 Wochen auf dem Gewissen habe. Aber ich glaube man hält mich dort schon || so wie so in allen Göttinger Geheimrathskreisen für einen ganz formlosen Kerl und ein geborenes Rauhbein oder im besten Fall für einen Paralytiker so dass es schliesslich nicht mehr so genau darauf ankommt, ob ich einen Lapsus mehr mache oder nicht. Unser Jenenser Pfingstaufenthalt hat uns wieder total rückwärts gebracht in unserer Göttinger Erziehung. Ich glaube beinahe die Sache ist hoffnungslos. Man giebt uns allmählich auf. Vielleicht aber lässt sich in umgekehrter Richtung noch etwas erreichen. Ich bin jetzt ganz übermüthig geworden, seitdem mir das Wunderbare gelungen ist, die alten || Geheimräthe der medicinischen Facultät zu einem Kegelabend zu gewinnen, was anfangs mit Entsetzen aufgenommen worden war. In der nächsten Woche soll es einen Facultäts-Kegelabend geben. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Ich fange an, an eine erzieherische Wirkung des Jenenser Geistes selbst in den veraltetsten und hartnäckigsten Fällen zu glauben. Wenn es nur noch mehr tüchtige Jenenser hier gäbe! Schön ist leider etwas zu still und inactiv.

Was sagen Sie dazu, dass ich im Winter mit Fischer eine „Zeitschrift für allgemeine Physiologie“ begründen will? Ich hoffe sehr, || dass das Unternehmen im Interesse der Sache glücken wird. Pecuniär ist leider dabei nichts zu gewinnen, aber ich würde mich riesig freuen, wenn ich dadurch das Interesse für allgemein biologische Fragen etwas mehr anregen könnte.

Biedermann ist nun also „Geheim“ geworden. Es ist mir eine grosse Genugtuung gewesen zu hören, dass nun endlich seine Verdienste die entsprechende Würdigung erfahren haben, denn es war ja immer seine starke Seite, alle Haus- und Hofgeheimnisse auf das Peinlichste zu hüten.

Mit der Bitte, alle Schweizerhöhen-Freunde herzlichst zu grüssen und mit besten Empfehlungen an Ihre verehrte Frau Gemahlin stets

Ihr getreuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
16-06-1901
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17430
ID
17430