Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Kensington , 31. Juli 1895

1 Upper Phillimore Place

Kensington, London W.

31. Juli 95.

Sehr verehrter Herr Professor

Es hat mir so fruchtbar leid gethan, dass ich Sie nach Ihrem bösen Falle nicht mehr aufsuchen konnte. Ich hätte es trotzdem versucht unter den jetzigen Umständen, wenn ich nicht so unerwartet schnell gezwungen worden wäre, abzureisen. Ich habe Ihnen nämlich sehr viel und sehr Wichtiges mitzutheilen.

Schon vor langer Zeit habe ich Ihnen gesagt, wie schlimm die Lage meiner || raut und ihrer Familie ist. Sie ist inzwischen von Tag zu Tag schlimmer geworden und Sie können sich keinen Begriff machen, wie ich in der letzten Zeit gelitten habe. Sie haben nicht nur kein Geld, sondern seit Monaten auch nicht die geringsten Nachrichten aus Amerika bekommen. Alles, was sie versucht haben, ist ohne geringsten Erfolg geblieben. So sehen sie sich jetzt gezwungen, selbst nach Seattle (Westküste, Washington-State) zu gehen und nach ihren Angelegenheiten zu sehen. Bleiben sie noch länger hier, so werden sie kein Geld mehr für diese Reise haben. Entweder finden sie drüben nun noch einen Rest ihres Ver- || mögens vor, den sie retten können, oder es ist alles verloren. Dann müssen sie arbeiten um leben zu können. Ach, Professor Haeckel, Sie können sich kaum denken, wie furchtbar mir es ist, auszumalen, was sie drüben möglicher Weise für Elend erwartet. Ich bin daher fest entschlossen, meine Braut nicht mit hinüber gehen zu lassen und finde den einzigen Ausweg in einer Noth-Heirath. Von meiner Familie kann und will ich keine Unterstützung annehmen. Wir werden also in etwa 10 Tagen hier in aller Stille getraut werden und werden dann in Jena zunächst, bis es uns etwas besser geht, zwei möblierte Zimmer nehmen und im Wirths- || haus essen. Ich habe ausgerechnet, dass wir bei Vermeidung aller Ausgaben, die nicht direkt zur Erhaltung des Lebens nöthig sind, mit 2500–3000 Mk auf diese Weise allenfalls auskommen können, und diese hoffe ich durch Arbeit, Schreiben, Vorlesungen, Gehalt, Vorträge etc zusammenzuschaffen. Ich weiss, dass wir trotzdem vielleicht bittere Noth leiden werden, dass man es auch allgemein für falsch erklären wird, dass wir unter diesen Verhältnissen heirathen. Aber wenn ich nicht meine Braut verlieren will, bleibt mir nichts anderes übrig. Im Nothfalle kann sie vielleicht durch Malstunden oder englische Conversations-Stunden auch noch ein wenig verdienen. Immerhin fühle ich den Muth und die Kraft für uns zu sorgen und an Schaffensfreude wird es mir hoffentlich nicht fehlen. Sie sind der erste, dem ich meinen Entschluss mittheile. Möchte ich Ihre Zustimmung finden!

Mit herzlichem Gruss immer in aufrichtiger Verehrung

Ihr treuer Max Verworn.a

a Text weiter am oberen Rand von S. 4: Mit … Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
31-07-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17422
ID
17422