Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Steglitz, 25. April 1895

Steglitz, Fichtestr. 45/b.

25.IV.95.

Sehr verehrter Herr Professor!

Seit vorgestern bin ich endlich wieder auf heimathlichem Boden. Ich habe meine Rückreise sehr beeilt und bin direkt und ununterbrochen von Alexandrien nach Berlin durchgefahren, weil ich recht schlechte Nachrichten von meiner Braut bekommen hatte. Aber erst jetzt in Berlin bei meiner Ankunft habe ich mit voller Sicherheit die Nachricht bekommen, dass unsere Lage plötzlich ganz trostlos geworden ist. Der || Schwager meiner Braut, der das Geld der Familie in Amerika verwaltete, scheint den grössten Theil des Vermögens verloren zu haben und so müssen sie jetzt nach Amerika, um noch zu retten, was zu retten ist. Ich bin sehr unglücklich, wie Sie sich denken können und will sobald ich die Nachricht, dass ich kommen kann erhalte, sofort zu meiner armen Maus nach London. Ich denke ich werde am Sonntag dorthin fahren. Was nun aus uns werden soll, weiss ich noch garnicht. Aber jedenfalls ist unsere Zukunft jetzt so düster wie sie uns noch nie erschien. Ich hatte mich so sehr auf die Rückkehr und das Wiedersehen mit meiner Maus gefreut. ||

Nach Jena werde ich wohl erst gegen Mitte Mai zurückkommen, aber das hängt auch von den unglücklichen Verhältnissen ab. Ich habe Biedermann gebeten, mich noch bis Mitte Mai zu beurlauben. Hoffentlich hat er meinen Brief aus Aegypten noch bekommen.

Über mein Buch habe ich hier in der „Deutschen medicinischen Wochenschrift“ die erste Kritik gelesen. Ich glaube zwar, dass der Kritiker nicht viel davon versteht, aber ich bin doch zufrieden, dass sie sehr lobend und empfehlend ist, um so mehr als sie von einem „exacten Fachphysiologen“ herrührt, von dem ich es am wenigsten erwartet hätte. ||

Dass bei der Marburger Besetzung nicht das geringste für mich herausgekommen ist, habe ich nur natürlich gefunden. Als reudiges Schaf in der Physiologie darf ich ja auf keine andere Behandlung rechnen. Aber ich kann nur wie der Araber sagen „maalêsch“ und ruhig weiter warten. Dieses Stück Fatalismus bringe ich als wichtigstes Reiseergebnis aus dem Orient mit nach Hause.

Wenn Sie einmal einen Augenblick Zeit hätten, mich mit ein paar Zeilen zu erfreuen, würde ich Ihnen sehr dankbar dafür sein. Meine Adresse in London ist: c/o Mrs. Huse, 1 Upper Phillimore Place, Kensington, London W.

Inzwischen bleibe ich mit herzlichem Gruss auch an alle Jenenser Freunde immer in Dankbarkeit

Ihr treuer Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
25-04-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17421
ID
17421