Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Kairo, 14. April 1895

Kairo 14.IV.95.

Sehr verehrter Herr Professor

Am 10ten April sind wir von unserer Wüstenreise glücklich wieder in Suez eingetroffen. Aber in was für einem Zustande! Der verlumpteste Strolch in Berlin wäre gegen uns als „gentleman“ erschienen. Mit total schwarz gebranntem Gesicht und dem Schmutz von 12 Tagen auf unserem Körper, mit gerissenen und ausgebleichten Kleidern und Schuhen ohne Sohlen erregten wir selbst in Suez, wo man an zweifelhafte || Individuen ziemlich gewöhnt ist, kein geringes Aufsehen in den Strassen. Es hat 2 Tage gedauert, bis wir unseren äusseren Menschen wieder in einen einigermassen unauffälligen Kulturzustand versetzt hatten. Gestern sind wir nach Kairo gefahren um am Dienstag mit dem österreichischen Lloyd direkt von Alexandrien nach Triest zurückzukehren. Ich werde etwa am 22 oder 23ten in Berlin sein und hoffe dann noch für einige Tage nach London fahren zu können.

Unser Geld haben wir in Suez von Consul Meyer in Empfang genommen. Ich möchte Ihnen noch einmal meinen herzlichsten Dank || dafür sagen. Herr Kaiser ist noch mit uns gereist und fährt auch noch mit bis Alexandrien, da er dort zu thun hat. Wir sind ihm sehr dankbar für alles, denn er hat in ausgezeichneter Weise für uns gesorgt und sehr viel Mühe mit uns gehabt. Er ist wirklich ein sehr netter und für uns unschätzbarer Mensch. Übrigens hat Meyer in Suez in der weitgehendsten und entgegenkommendsten Weise für uns gesorgt und uns in allem die Wege geebnet. Er war rastlos besorgt und thätig, um uns in allen Dingen zu helfen und uns alles zu erleichtern, ich wünschte, wir könnten ihm noch irgendwie anders dankbar || sein.

Jetzt am Ende unserer Reise kann ich mir sagen, dass ich eigentlich in jeder Beziehung sehr viel daran gehabt habe. Nicht blos, dass ich mir einen ganze Menge wissenschaftliches Material der verschiedensten Art, nicht blos physiologisches mitbringe, ich fühle mich vor allen Dingen auch selbst körperlich und geistig regeneriert und erfrischt nach den etwas anstrengenden Monaten des letzten Jahres. Ich fühle mich jetzt wieder ganz lebensfreudig und kampfesmuthig und zu allem aufgelegt. Das ist mir besonders viel werth, denn ich glaube ich werde diese erste Vorbedingung für die Erreichung meiner Ziele in der nächsten Zeit sehr nöthig haben. Hoffentlich geht diese Stimmung nach der Rückkehr nicht gleich wieder verloren. Mit dem Wunsche, Sie in einigen Wochen in unserem alten Nest recht gesund und wohl wiederzusehen bleibe ich mit herzlichem Gruss und vielen Dank

Ihr treuer Max Verworn

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
14-04-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17420
ID
17420