Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, El Tor, 22. März 1895

El Tor 22.III.95.

Sehr geehrter Herr Professor!

Haben Sie zunächst meinen herzlichsten Dank für Ihre beiden Briefe, die ich bald hinter einander bekam und für die Übersendung des Geldes, das ich in Suez in Empfang zu nehmen gedenke. Grosse Luxusausgaben haben wir uns nicht gestatten bisher und unsere Geldverhältnisse werden uns auch für die Rückreise solche nicht erlauben. An Ober-Aegypten haben wir schon lange nicht mehr gedacht. Mir || ist hauptsächlich daran gelegen gewesen, dass wir in Tor noch etwas länger bleiben konnten und daher bin ich Ihnen von Herzen dankbar für die Übersendung des Geldes. Auch Palaestina und Syrien, das wir gern auf der Rückreise noch gesehen hätten, haben wir aufgegeben. Wir werden nun Anfang April über Alexandria und wahrscheinlich Constantinopel nach Hause fahren. Die Zeit in Tor ist ungeheuer schnell verflossen und ich trenne mich nur sehr schwer von hier. Der Gedanke an die Rückkehr ist mir garnicht angenehm. Am liebsten bliebe ich ganz hier und triebe meine Wissenschaft hier unbekümmert um alle akademi- || schen Sorgen und allen Ärger um die traurigen Verhältnisse.

Für die Übersendung des Zukunft-Artikels und der Schaudinnschen Untersuchungen danke ich Ihnen vielmals. Der Zukunfts-Artikel hat uns allen die grösste Freude gemacht. Er ist geradezu ideal und hat uns sämmtlich begeistert und erfrischt. Das scheint ja jetzt gut im lieben Deutschland herzugehen. Ach was soll aus der armen Wissenschaft schliesslich noch werden! Meine Aussichten und Hoffnungen sinken von Jahr zu Jahr.

Wären Sie doch noch in den Ferien hierher gekommen! Sie hätten es nicht bereut. Grade jetzt sind häufig so starke Ebben bei voll- || kommen unbewegter See, dass man kaum bis ans Knie ins Wasser watend auf den Riffen und zwischen der unabsehbaren Thier- und Pflanzenfülle umherwandern kann. Ich muss immer wieder an Ihre begeisterte Schilderung in den „arabischen Korallen“ denken, wenn ich in diesen „Meerschaften“ umherwandle. Ich weiss, der Anblick würde Ihr Herz ebenso erquicken wie meins.

Dass ich Ihnen nicht eher antworten konnte, lag daran, dass wir erst gestern von einer 10-tägigen Excursion nach den Inseln im Süden der Halbinsel (Djôbel, Sheduan, Umm el Hejmât, Um Chermân etc) zurückgekehrt sind. Die Pracht dieser Korallen- || gärten und der Farbeneffecte, welche die südliche Landschaft hier bietet, ist unbeschreiblich. Man kann die Farben nicht leuchtend genug ausmalen, um diese Farbenwirkungen, die sich hier unter der grellen Sonnengluth entfalten, zu schildern. Leider sind wir der letzten Zeit dieser Excursion durch widrige Winde an die Afrikanische Küste verschlagen und dort so lange zurückgehalten worden, dass wir die Post in Tor versäumt haben. Ein Versuch, von der Sêtieh an der Afrikanischen Küste nach der sinaïtischen Seite zu gelangen, schlug bei dem furchtbaren Wind und aufgeregten Meer so kläglich aus, dass wir froh sind, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Die Sache || war zeitweilig wirklich ängstlich. Ich habe auf dieser Partie auch einer alten Lieblingsneigung nachgebend wieder geologische Studien gemacht und Walther ins Handwerk gepfuscht. Die Geologie dieser Gegend ist sehr interessant.

Orbitoliten und Nummuliten hoffe ich Ihnen in grösserer Menge mitbringen zu können. Dagegen habe ich sehr geringe Hoffnung in Betreff des Planktons. Wir haben einmal gefischt und so gut wie garnichts bekommen, dasselbe Resultat, das ich vor 4 Jahren öfter hatte. Auf den Inseln habe ich öfter Aurelia aurita in Schaaren ans Land gespühlt gesehen aber durch die Riffe arg verstümmelt.

Nun aber sage ich Ihnen Lebewohl und nochmals vielen herzlichen Dank. Mit der Bitte alle Freunde in Jena vielmals zu grüssen bleibe ich immer

Ihr treuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
22-03-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17419
ID
17419