Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Tor, 4. Januar 1895

Tor 4.I.95.

Sehr verehrter Herr Professor

Heute Nachmittag kam die hier so ungeduldig ersehnte Post und brachte mir Ihre Karte, die von Triest nachgeschickt worden war und die „Phylogenie der Protisten und Pflanzen“, die ich bereits mit Gier durchblättert habe. Bitte haben Sie meinen herzlichsten Dank dafür. Ich habe schon mehrere Abschnitte darin gefunden, die mich auch bei meinem Buche lebhaft beschäftigt haben und freue mich sehr, sie || in Ruhe zu lesen. Hoffentlich ist mein Buch, wenn diese Zeilen zu Ihnen gelangen, auch schon in Ihren Händen und ich bin sehr gespannt auf Ihr Urtheil, bitte Sie aber dabei nicht nachsichtig zu sein und bei der Lectüre recht wenig Ansprüche zu machen.

Seit einigen Wochen sind wir bereits in Tor, nachdem wir die unverhältnissmässig theure Nilfahrt nach Oberägypten aus pecuniären Rücksichten aufgegeben haben. Hier bin ich endlich wieder in der Wüste mit ihren einsamen Palmen und ihren glühenden Bergkegeln im Hintergrunde, nach denen ich mich jahrelang wieder zurückgesehnt || hatte. Dass Weihnachten war und dass Winter ist, kann man sich hier unmöglich vorstellen. Die Weihnachtsstimmung, die mit Kindheit an so eng mit Eis und Schnee, mit Tannengeruch und traulicher Dämmerung associiert ist, wollte hier trotz aller Versuche, sie heraufzubeschwören, am Weihnachtsabend doch nicht kommen. So ist mir Weihnachten a diesmal eigentlich verloren gegangen.

Von meiner Braut habe ich leider keine guten Nachrichten. Sie sind in grosser Sorge um ihr Geld in Amerika, dessen Zinsen immer geringer werden. So beginnt das neue Jahr unter wenig günstigen Auspicien || für uns. Der Gedanke an die Zukunft ist es allein, der mir bisweilen die Freude an der Reise trübt.

Herr Kaiser traf erst kurz nach uns in Suez ein und daher konnten wir noch gemeinsam nach Tor fahren. Hier haben wir wieder mein früheres Laboratorium eingerichtet und sind tüchtig an der Arbeit. Ich habe augenblicklich eine Untersuchung über Reizleitung vor. Hätten Sie vielleicht noch ein Exemplar des Berichtes und Menus von Ihrer 60ten Geburtstagsfeier für Herrn Kaiser übrig? Kaiser würde sich sehr herzlich freuen, wenn Sie ihn damit beglücken würden. Er ist ein warmer und aufrichtiger Verehrer von Ihnen.

Mit der Bitte, mich Ihrer verehrten Frau Gemahlin bestens zu empfehlen und dem Wunsche eines recht frohen und glücklichen neuen Jahres bleibe ich immer

Ihr treuer Max Verworn.

Jensen und Kaiser schliessen ihre Grüsse den meinigen an.b

a gestr.: auf Kosten; b Text weiter am linken Rand von S. 1: Jensen … an.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
04-01-1895
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17415
ID
17415