Verworn, Max

Max Verworn an Ernst Haeckel, Jena, 26. Februar 1893

Jena 26.II.93.

Sehr verehrter Herr Professor!

„Jamque fretum Minyae Pegasaea puppe secabant“. In der Hoffnung, dass Sie es den Minyern nachgemacht haben werden, richte ich meine Zeilen nach Messina, um mit Ihnen ein Stündchen zu plaudern, wie ich es in Ihrem Institut so oft zu thun pflege, öfter als es Ihnen lieb ist, denn ich störe Ihnen immer Ihre schöne Arbeitszeit. Allein mein Egoismus ist immer stärker || als meine Rücksicht und ich habe manchmal so dringend das Bedürfnis mit Jemand zu plaudern, mit dem ich mich verstehe, oft blos, um mir über eine unangenehme Stimmung hinwegzuhelfen. Sie sind aber der Einzige in Jena, mit dem ich mich ganz verstehe. Bald wird auch noch Jensen, mit dem ich täglich verkehrt habe, für immer von Jena fortgehen und dann werde ich mich ganz einsam fühlen. Wie beneide ich die Officiere, mit denen ich gestern abend bei Bardelebens zusammen war um ihre Anspruchslosigkeit in der Unterhaltung || und im Vergnügen, wie sehr wünschte ich, dass ich auch die Gabe und das Vergnügen haben könnte, mich auf ihre fade Weise zu unterhalten und zu amüsieren! Aber ich glaube die Schuld liegt an mir, ich bin seit meiner Verlobung eben überhaupt nicht im Stande mich zu amüsieren, wenn meine Maus so weit von mir fort ist. Was ich schon wieder für einen elegischen Brief schreibe! Und wie ich nur von meiner werthen Person plaudere!

Das Semester schläft nun allmählich ein. Vorigen Donnerstag hat der Bären- || tisch für Schmiedel, Büsgen und Kluge ein kleines Abschiedsessen gegeben, das sehr animiert war und durch nicht weniger als 14 Reden, darunter 3 von Biedermann, belebt wurde. Morgen geben die Theologischen Studenten um Schmiedel zu ehren, nebenbei aber auch die anderen Kirchenlichter, die sich so schäbig gegen Schmiedel benommen haben, zu ärgern einen grossen Commers, zu dem wir wahrscheinlich auch gehen werden.

In der Naturwissenschaftlichen Gesellschaft hat es im Anschluss an meinen Vortrag über das Gleichgewicht eine sehr erregte Debatte mit Kessel gegeben über die || Function der Bogengänge. Kessel wurde sehr ausfallend und erregte theils grosse Missbilligung, theils grosse Heiterkeit.

Die Psychologie wird jetzt in Jena zum Tagesgespräch. Alle Augenblicke habe ich in der letzten Zeit grosse Discussionen über psychologische Fragen mitgemacht und eine Abendgesellschaft bei Fürbringer konnte geradezu als psychologische Sitzung bezeichnet werden. Sie haben übrigens einen neuen begeisterten Schüler, allerdings schon etwas höheren Semesters gewonnen an Prof. Löning, der mit wahrem Fanatismus die Schöpfungsgeschichte || verschlungen hat und jetzt die Geheimnisse der Zellseele belauscht. Löning ist übrigens ein sehr begabter und vielseitig interessierter Kopf. Wenn er nur nicht so viel „Ellenbogen“ hätte.

Wir haben jetzt seit einigen Tagen so herrliches Wetter wie bei Ihrer Abreise, das die Reiselust unwiderstehlich anregt. Man fühlt sich wie ein gefangener Vogel in dem der Wandertrieb erwacht. Hoffentlich haben Sie in Messina alles recht glücklich getroffen und Ihre Frau Gemahlin hat die Reise gut überstanden. Indem ich Sie bitte, Ihr meine aufrichtigsten Wünsche für einen recht glücklichen Aufenthalt in Messina zu übermitteln, bleibe ich mit herzlichen Grüssen

Ihr treuer

Max Verworn.

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
26-02-1893
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 17393
ID
17393