Weißenborn, Bernhard

Bernhard Weißenborn an Ernst Haeckel, Kamerun, 16. April 1888

FORSCHUNGS-STATION KAMERUN

No 908‒910

Kamerun, den 16. April 1888.

Hochverehrter Herr Professor!

Hoffentlich stehle ich Ihnen mit folgenden langweiligen Zeilen nicht zu viel Ihrer kostbaren Zeit, allein es drängte mich, Ihnen wenigstens einen kurzen Bericht meiner, oder, vielmehr unserer Thätigkeit zu geben, denn auf mich fällt nur ein sehr bescheidener Theil der gemeinschaftlichen Arbeit. Wie Sie vielleicht durch Zeitungen und andere Berichte erfahren haben werden, sind Leutnant Kund, Leutnant Tappenbeck und ich am 7. November mit circa 100 Mann in das Hinterland von Kamerun, von Kribi, circa 1½ Meile nördlich von Gross-Batanga, aufgebrochen. Braun, unser Botaniker, blieb an der Küste von Batanga zurück, da sich auf einer kleinen 4tägigen Tour vorher für uns herausgestellt hatte, dass er den zu erwartenden Anstrengungen nicht gewachsen sein würde. Von der Küste aus gingen wir beinahe direkt östlich vor, erst durch einen Urwalddistrikt von circa 20 deutschen Meilen Breite, bis zu dem Lande Gumba mit der Hauptstadt Bongolo, wo uns das erste Palaver erwartete. Die Bewohner, an Ihrer Spitze König Mʼtungo, alles Elfenbeinzwischenhändler, suchten uns den Weg zu || versperren, für ihren Handel fürchtend. Allein da dieselben noch zu nahe der Küste 10 Tagreisena wohnten, um offene Gewalt anzuwenden, so kamen wir nach 7tägigem Palaver weiter und durchzogen nun in langem 4wöchentlichen Marsch das reich bevölkerte und gut angebaute Baneland, bis wir in der Residenz des mächtigen Bane-Königs Djambong einzogen. Von da ging es zu den Jengones, und als wir uns anschickten den an der Küste unter dem Namen „Small Djong” bekannten Fluss zu überschreiten, kam es hier zu einem harten Kampf. Unter fortwährendem Schiessen wurde der Flussübergang erzwungen und auf dem anderen Ufer ein Lager bezogen. Weitergehn war nicht rätlich, es kostete zu viel Leute, so bauten wir denn ein gewaltiges Canoe, welches alle unsere Lasten und circa 80 Leute fasste und gingen nach 14tätigem Aufenthalt mit diesem und 8 erbeuteten Canoes 4 Tage flussab bis zur zweiten Fallregion dieses bei Klein-Batanga mündenden Flusses. Dann wurde wieder Nordöstlich vormarschiert durch das schönste und bestbebaute Land, welches ich hier überhaupt gesehn habe, das Jaunde Land; hinter diesem begann die Savanne mit Anona senegalensis und mit kleinen Gruppen Öl- und Fächerpalmen, bis wir endlich den unter dem Namen Ky-Djong [= Sanaga] an der Küste bekannten Fluss erreichten, und constatiren konnten, dass derselbe nach Westen fliesse, aber kein Congo-Nebenfluss sein könne. ||

Derselbe tritt hier als ein stattlicher Fluss von 200‒400 mtr. Breite vom Plateau herab, stattliche Fälle bildend, von uns zu Ehren Nachtigallʼs benannt, während wir dem ganzen Fluss den Namen Kaiser-Wilhelmfluss beilegten. Wir überschritten denselben circa 50 deutsche Meilen östlich der Küste, und trafen auf dem anderen Ufer zu unserem grössten Erstaunen Sudanneger an. Runde Hütten, stattliche Dörfer durch gemeinsame Aborte ausgezeichnet, kennzeichnen zur Genüge die Stammeszugehörigkeit der Eingeborenen, welche selbst als stattliche Gestalten mit Büffelschildernb, Bogen, Pfeilen und Speeren bewaffnet uns entgegentraten, Feuergewehre sind selten geworden. Da sie im Vordringen begriffen sind, ist alles im Kriege untereinander, Dorf ficht mit Dorf, alle Dörfer sind versteckt angelegt und jedes derselben mit einer Fenz aus Stangen, halbhoch mit Lehm beworfen, umgeben, so eine für die dortige Gegend schwer einnehmbare Festung bildend. Nach dreitägigem Marsch wurden wir nahe einem zwischen Sorghum-Feldern versteckt liegendem Dorfe angegriffen und mussten uns nach dem Anstürmen und Verbrennen dieses aus vielleicht 400 Hütten bestehenden Dorfes zum Rückzug auf das linke Unfer entschliessen, da wir keinen Lagos-Dolmetscher hatten und damit jede Verständigung mit den Sudannegern ausgeschlossen schien. Am linken Ufer abwärts gehend, wollten wir denselben weiter der Mündungd zu überschreiten, um || dann in Nordwestlicher Richtung abzubiegen und so Kamerun zu erreichen, allein es sollte anders kommen. Nachdem wir das Joni und Jaunde-Land zum Theil durchzogen hatten, mussten wir um nun den Fluss zu überschreiten im Lande der Bakokoʼs dahinziehen, einem Volksstamm, welcher bei seinen Nachbarn in sehr schlechtem Rufe steht. Dann hier hinterlistig angegriffen, bestanden wir einen Kampf und einen zweitägigen Rückzug, an ein weiteres Vorgehen war nicht zu denken, da fast bis Kamerun Bakokoʼs sitzen, welcher uns gegen 40 Verwundete, darunter Lt. Kund und Tappenbeck schwer, und 4 Todte kostete, und in welchem wir den grössten Theil unserer Lasten vernichten mussten, um Leute für den Verwundeten-Transport zu haben. Ohne Patronen, denn unsere Munition war zu Ende, mussten wir uns 20 Tage lang bis Batanga durchschlagen, zuletzt dem Verhungern nahe. Jetzt sitzen wir in Kamerun und entlassen unsere Leute, welche sich geweigert haben, weiter zu arbeiten. Dieses die wichtigsten äusseren Fakten, doch Sie werden nach geologischen und zoologischen Erfolgen fragen. Meine Sammlungen, wenn auch nicht gross, so doch ganz interessant, sind bei den Bakokoʼs zu Grunde gegangen. Im Übrigen habe ich interessante Thatsachen über Verbreitung des Gorilla, Chimpansen und Elephanten gesammelt; || namentlich letzterer fand sich in einigen, der von uns durchzogenen Distrikte massenhaft. Geologisch ist als interessante Thatsache das Auftreten 2er paralleler Bandgebirge zu vermerken, welche im eigentlichen Kameruner Gebiet nach dem Inneren zu ausweichen, wie weit muss auf fernerer nächster Expedition, welche hoffentlich nach dem Quellgebiet des Kaiser-Wilhelmflusses geht, explorirt werden. Ich persönlich sehne mich freilich darnach, wieder im Busch zu sitzen, umgeben von naiven Naturkindern, einfach lebend und alle Tage Neues und Interessantes erfassend. Leider muss Lt. Tappenbeck einen vier‒sechswöchentlichen Aufenthalt in Madeira nehmen, und daher müssen wir bis zum nächsten November warten, da von Juli ‒ October Regenzeit ist. Bis dahin werden Lt. Kund, Hr. Braun und ich wahrscheinlich nach Malimba übersiedeln, um dort den unteren Lauf des Kaiser-Wilhelmflusses, welcher dort Adea heisst, zu erforschen; auch muss ich endlich dazu kommen, für mich etwas zu sammeln und zu arbeiten. Hoffentlich habe ich Sie mit diesen Zeilen nicht zu sehr gelangweilt; einen ausführlichen und interessanten, weit besser zusammengestellten Bericht hoffen wir Ihnen in nicht allzu langer Zeit gedruckt zugehen lassen zu können.

Sie wuerden mich unendlich verbinden, falls Sie mich gelegentlich Herrn u. Frau Dr. Pechuel-Lösche empfehlen würden, || welchem zu schreiben ich bis heute keine Zeit gefunden habe, welchem ich Sie jedoch mitzuteilen bitten möchte, dass ein Katanga-Canoe für Ihn zum Versandt bereit steht. Viele Grüsse an alle Insassen und Angehörige des zoologischen Instituts, auch den alten Querkopf Pohle nebst Familie. Mit der Bitte, mich Ihrer werthen Familie gütigst empfehlen zu wollen, verbleibe für immer Ihr dankbarer

Weissenborn.

a eingef.: 10 Tagreisen; b eingef.: Büffelschildern; c eingef.: jedes derselben; d gestr.: abwär; eingef.: der Mündung

 

Briefdaten

Empfänger
Datierung
16-04-1888
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16695
ID
16695