Salzburg den 4. März 1904.
Hochverehrtester Herr Professor!
Spät kommt er, doch er kommt, der Salzburger-Freidenker-Verein, um Ihnen, hochverehrter Herr, zum 70. Geburtstag die herzlichsten Glückwünsche zu übermitteln, indem er zugleich der Hoffnung Ausdruck gibt, daß es Ihnen noch Dezennien vergönnt sein möge, sich bester Gesundheit, der Frucht Ihres für die gesammte Menschheit unsterblichen Wirkens und des Sieges Ihres lebenslangen Kampfes zu erfreuen.
Mächtig sind die Gefühle, mit welchen wir im Auftrag der gestrigen „Haeckel-Feier-Versammelten“ vor Sie hintreten, nicht nur als Männer, die Sie als den Vorkämpfer der monistischen Weltanschauung verehren, sondern als Jünger vor den Meister; denn wir bekennen uns mit Stolz zu Ihrer Gemeinde. ||
Erlesen Sie, bitte, aus den dürren Worten den Ausdruck ehrlichsten Gefühles der Bewunderung dieser kleinen Gemeinde und den Dank dafür, daß Sie von der Entstehung des Vereins Notiz genommen haben, indem Sie den Verein mit einer Widmung beehrten.
Im Sinne Ihrer Weltanschauung, verehrter Herr Professor, haben wir das schwere Werk begonnen, in Salzburg einen Freidenker-Verein zu gründen und haben in Ihrem Geiste fortgewirkt, sodaß wir nun nach Jahresfrist auf eine stattliche Anzahl treuer Anhänger blicken können.
Treulich ausharrend, verfolgt und bekämpft, von dem Obscurantismus, verlacht und verhöhnt von den allzuvielen Indifferenten, warten wir des Tages, wo die Bedeutung des Vereins, der die Namen „Haeckel, Darwin, Büchner, Dodel“ auf seine Fahne geschrieben hat, in das rechte Licht gerückt wird, bis der Tag kommen wird, wo die Vaterhand sich auf das Kindes-Haupt legen wird und freimütig bekennt: „Du hast recht gethan“.
Wie zum 16. Februar eine Welt ihr Auge nach Rapallo richtete, so erwartungsvoll richtet jetzt der Freidenker-Verein sein || Auge nach dem Süden mit der bangen Frage, welchen Weg Herr Professor nehmen werden, wenn Sie nach Ihrem lieben Jena zurückkehren.
Es führen nur wenige Wege über die Alpen nach dem Norden, und von letzteren einer über das herrliche Salzburg, in dem, wie Sie, Herr Professor, vor einigen Jahren anläßlich Ihres Besuches in Salzburg selbst geäußert haben sollen, Heimatrecht besitzen.
In dem Augenblick, wo Ihnen alle freidenkerischen Herzen Salzburgs zuschlugen, hieß die Phantasie uns Bilder ausmalen, die unsere Herzen höher schlagen ließen, denn warum sollte es ausgeschlossen sein, daß Sie Ihren Weg nicht über Salzburg nehmen werden,? im Gegentheil benutzen Herr Professor vielleicht die Gelegenheit, bei Ihrer Rückkehr der herrlichen Hochburg des Klerikalismus einen Besuch abzustatten, um – wenn wir es auszusprechen uns zutrauen dürfen, um zu uns zu sprechen, zur unbeschreiblichen Beglückung der kleinen Freidenker-Gemeinde.
Das wäre die Weihe für den Verein, und Salzburg wüßte, dass es einen Freidenkerverein hat.
Solche sind die Hoffnungen und Gefühle, || sehr verehrter Herr Professor, welche die gestrigen „Haeckel-Feier-Versammelten“ Ihnen zu unterbreiten uns aufgetragen haben, und in welche wir unsere ebenso freimütige als ergebene Einladung kleiden möchten.
Wir entledigen uns dieser schönen Aufgabe, indem wir nochmals unseren herzlichsten Glückwunsch entbieten, ob der Freimütigkeit höflichst um Verzeihung bitten und Sie unserer aufrichtigsten Ergebenheit und vollsten Bewunderung versichern.
Für den Salzburger Freidenker-Verein:
A. Pretzlik, Obmann
der Schriftführer:
Hans Waldbauer
Curt Spiecker
I. Obmann
Salzburg, Faberstrasse 6.