Weiß, Ernst

Ernst Weiß an Ernst Haeckel, Saarbrücken, 12. Mai 1866

Saarbrücken d. 12. Mai 1866.

Mein lieber Freund!

Schon fast ein Jahr habe ich vorüberstreichen lassen, seit ich Dich in Deinem Jena sah, ohne mich Dir wieder in Erinnerung zu bringen, u. ich hatte doch eigentlich viel Grund dazu, denn ich denke noch oft an den kurzen Aufenthalt bei Dir, an die Spaziergänge, welche ich theils mit Dir theils allein um Jena machte, an die freundlichen Menschen, welche ich durch Dich da kennen lernte. Wenn es wahr ist, was eine triviale Redensart sagt, daß gut sei, was lange währt, dann müßte auch der Dank für Deine Aufnahme sich besonders auszeichnen, da er lange gelegen hat. Aber dann habe ich den andern zuzufügen, daß Du meiner unbedeutenden Kleinheit durch den durchgesetzten Antrag, mich zum corresp. Mitgliede der mineralogischen Gesellschaft in Jena zu machen, einiges Ansehen u. Zierlichkeit beizubringen bemüht gewesen bist. Kann ich ein größeres Zeichen von Freundschaft verlangen, als daß Du Undank mit solchem Lohne bestrafst u. feurige Kohlen auf mein unwürdiges Haupt sammelst?

Als kleinen Dank habe ich nun heute für die Gesellschaft eine Kiste mit Petrefacten || an das mineralogische Museum in Jena abgesandt (als Frachtgut) u. bitte Dich, dies dem Herrn Hofrath Schmid bei Gelegenheit mittheilen zu wollen. Dabei ist ein Gypsabguß der sogen. Saugscheibe eines Xenacanthus Decheni von Löwenberg aus der Berliner Sammlung. Du wirst Dich erinnern, daß ich mit Dir u. Prof. Gegenbaur davon sprach, sowie von dem Interesse dieses alten Fisches u. von meinem Wunsche, für ihn einen Bearbeiter zu finden. Ganz neuerlich ist die Möglichkeit entstanden, daß Herr Pictet de la Rive sich des Fisches annehmen wird, ich erwarte nur noch eine Antwort, die Zusicherung, daß mir die Exemplare verbleiben sollen. Erreiche ich dies nicht, so verkaufe ich Alles was ich davon habe; denn dazu bin oder werdea ich gewissermaßen gezwungen durch die jetzt so unsichern Verhältnisse, in denen ich mich hier befinde. Denn daß das Saarbrücker Land nicht mehr sicher ist, Deutsch zu bleiben, sondern nahe daran, französisch zu werden, glaubenb jetzt Viele; allen Unterrichteten aber gilt es hier für gewiß. Ein Industrieller im Birkenfeldschen, ein gew. Böcking, dessen Vater es war, welcher beim Pariser Frieden bewirkte, daß die Saarbrücker Lande preußisch wurden, versicherte mir ganz kürzlich, Sicheres über den Grubenverkauf zu wissen u. noch neulich in Berlin erfahren zu haben.c daß wenigstens die Gruben verkauft, vielleicht d verpfändet werden, wenn nicht schon sind. Meine Existenz hängt mit von dem ab, was die nächsten Zeiten bringen werden. Könnte ich irgendwo sonst, nur nicht in Frankreich, Unterkommen finden, so würde ich || es jetzt sicher annehmen. Ich rüste mich auf alle Fälle, damit mire nicht dief Resultate meiner bisherigen geognostischen Arbeit verloren gehen; ich arbeite u. suche möglichst abzuschließen u. habe jetzt auch Zeit zu Manchem; denn die Bergschule ist – aus Mangel an Schülern, die zu 2/3 einberufen sind – einstweilen auf unbestimmte Zeit aufgelöst. Die Zurückgebliebenen müssen Steiger u. a. Beamte vertreten, welche ebenfalls zur Landwehr gehen mußten. So greift die Mobilmachung in alle Verhältnisse u. Du kannst Dir denken, daß hier wie anderwärts die Unzufriedenheit, zum Theil die Erbitterung, groß ist.

Es ist traurig, daß man nicht umhin kann, die schöne Zeit u. Gelegenheit zu freundschaftlichem Gedankenaustausch mit solchem miserablen Stoff zu verderben, der, augenblicklich wenigstens, fastg alles andere Interesse verschlingt. Aber soll ich Dir erzählen, was ich that u. getrieben habe u. ich weiß doch nicht, ob ich nicht umh Vergebliches mich bemühte, weil ich das Ziel nicht erreichen werde, wenn ich von hier fort muß? Oder soll von meinen Plänen die Rede sein im Augenblicke, wo die Pläne für dies Jahr bereits ins Wasser gefallen sind? Und es ist in der That so: z. B. wollte ich zum Herbst nach Südfrankreich (Autun, Auvergne, Vogesen); aber da ich jetzt nicht kann, so auch nicht später, weil selbst || im günstigsten Falle wir nur im Herbste keine Ferien haben werden. Wäre man nicht ein Vogel mit beschnittenem Gefieder, – was könnte man vielleicht trotz Allem ein nützliches Glied der Gesellschaft sein, frei von äußeren Einflüssen.

Doch von mir hast Du, unter jetzigen Verhältnissen, genug gehört; ich will noch hinzufügen, daß ich mich viel wohler befinde, als die vergangenen Jahre, obschon noch mehr gewünscht werden darf. Nun aber laß mich ganz kurz zu Dir kommen, zunächst mit der Frage, wie es mit Deinem Buche über Darwinische Lehre steht. Wie beneide ich die, welche Dich darüber sprechen u. hören können, denn meine Beschäftigung hiermit kann nicht so anhaltend sein, wie mein Interesse.

Fast fürchte ich, daß Du wieder eine große Reise angetreten hast u. dieser Brief Dich nicht findet. Wenn Du doch für diesen Fall einmal i über Saarbrücken oder doch bis zum Rhein Deinen Weg nehmen wolltest. Gern käme ich bis Bingen Dir entgegen u. das sind doch schon fast 20 Meilen! Schönheiten, wie um Jena, heimische Plätzchen wie gewisse dort, kann ich Dir freilich in unserer Nähe nicht zeigen, aber wir könnten auch an andern Orten jener gedenken. Kürzlich war ich wieder auf dem Rheingrafenstein bei Kreuznach, das ist ein Ort, der Dir sicher gefallen würde; u. als ich ihn verließ, schoß man drüben von der Ebernburg, der Burg des Franz von Sickingen, Kanonen ab; es solltej Jubelfeuer anzeigen, daß das Land bayrisch geworden!

Doch mein Geschwätz verzeih’ mir, mein Geschreibsel beurtheile gnädig, mir selbst bleibe der alte.

Dein Weiß.

a eingef.: oder werde; b korr. aus: glaubt; c eingef. mit Einfügungszeichen am linken Seitenrand quer zur Schreibrichtung: Ein Industrieller … zu haben.; d gestr.: verpachtet; e eingef.: mir; f korr. aus: mein; g korr. aus: fall; h eingef.: um; i gestr.: noch; j korr. aus: waren

 

Briefdaten

Verfasser
Empfänger
Datierung
12-05-1866
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
A 16653
ID
16653