Weiß, Luise

Luise Weiß an Ernst Haeckel, Berlin, 11. November 1868

Berlin d. 11. Nov. 68.

Mein lieber theurer Ernst!

Sie machen mir eine unbeschreibliche Freude damit dass Sie auch mich mit zur Pathin Ihres Söhnchens erwählen! Wie könnte ich einen Grund haben, es nicht seyn zu wollen? haben Sie innigen Dank für diesen neuen Freundschaftsbeweis! Wäre es Sommer und die Umstände erlaubten es, so käme ich selbst und spräche mein „Ja“ mündlich aus; daran ist aber nicht zu denken! Thun Sie es für mich!

Es ist mir ein wahrhaft währender Gedanke: Ihr Sohn ‒ mein Pathe! – erlebe ich nächsten Sommer, so sehe ich mir ihn an. Sie haben mich überrascht, denn bei dem grossen Kreis Ihrer Verwandten, konnte ich diese Auszeichnung ja gar nicht erwarten! aber wohl haben Sie Recht: unsre Freundschaft beruht auf einem festen Fundament! ||

Ich muss daher lächeln, wenn Sie einen Augenblick nur denken können: dass irgend etwas in Ihren Studien was meinen Gedanken nicht ganz entspricht, im Stande wäre meine innige tiefe Liebe zu Ihnen auch nur im geringsten zu stören; mein Herz hängt an dem Menschen dem ganzen lieben Menschen wie er ist, wahrhaft, treu, voll Seele und Feuer und Enthusiasmus. Sie streben redlich und mit wahrem Eifer in Ihrer Wissenschaft – leisten darin ohne allen Zweifel sehr viel, ob Sie in einiger Hinsicht irren, das wird die Zukunft lehren! aber wie könnte irgend Etwas der Art meine Freundschaft und Liebe zu Ihnen erschüttern? – Nein, da bleiben Sie ganz ruhig mein guter Ernst, die paar Jahre die ich höchstens noch zu leben habe – die wollen wir noch ungetrübt geniessen! ||

Uebrigens komme ich gar nicht in den Fall über Ihre wissenschaftlichen Arbeiten mit Jemand zu sprechen und das ist mir ganz recht; was Sie mir sind, wissen Manche. Sie aber dürfen mir nicht grollen, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich als älteste Ehrenberg’sche Freundin am vorigen Donnerstag den 5. Ehrenberg’s 50 jähriges Doctor Jubileum mit habe verherrlichen helfen – aber nur mit meiner, dringend verlangten – Gegenwart; und in Folge der Anwesenheit unseres gemeinschaftlichen alten Freundes, von Martius aus München, wo ich verschiedne Einladungen nicht ablehnen konnte und – wollte? Gleich die erste, zu Braun’s, erfüllte mir einen Wunsch: ich lernte Gerhard Rohlfs kennen, sah ihn bei Ehrenbergs wiederholt und er besuchte mich auch; ein ganz prächtiger Mensch, mit dem ich schnell eine, in so kurzer Zeit möglichst gute und wahre Freundschaft schloss; ähnlich wie seiner Zeit mit Barth, den auch Rohlfs sehr liebt und ehrt; ich habe auch von Ihnen mit R. gesprochen und musste überhaupt immer an Sie denken. || Leider ist er am Sonntag abgereisst zunächst wiede nach Afrika, Tripolis. er schickte mir seine Photographie noch.

Nun aber noch Ehrenbergisches!!

Prof. Reinhart an der Spitze eines Commitee hatte viel Geld gesammelt und so konnte eine Marmor-Büste – Denkmünze in G. S. B. gr. Pracht Album auf silbernem Blatt pp überreicht werden; Andre Dinge von anderen Seiten; Diplome und Zuschriften – unzählige Deputationen wohl 10 – 12. Universität Rector und Senat – Acad. d. Wiss. – Naturforsch. – Geograph. – Geologische - Medizinische p p Gesellschaften; Der Amerikanische Gesandte Bancroft – mit duzenden Dipl. und Zuschriften pp; Welche Masse – Anreden und lange Reden. Ehrenberg musste alle beantworden; Vom König den Stern zum roten Adler Orden; Frau Königin beglückwünschte telegraphisch. Es dauerte fast 3 Stunden. Wein und Torte. Abends Gesellschaft bei s. Tochter Rammelsberg – Sonnabend ganz grosser Soèrèe bei Ehrenbergs, wo ich aber nicht hinging. Haben Sie nicht genug – so erzähle ich mehr.

Wenn Sie nach Berlin kommen? ist’s wahr? Kommen Sie am Montag her? so sagt mir neulich Ihre Mutter; Kürzlich habe ich sie aber nicht gesprochen, doch hoffentlich bald.

Jetzt aber ists hohe Zeit das abscheuliche Geschmiere zu enden. Leben Sie wohl Theurer Lieber Grüsse und Dank der lieben Frau.

Unveränderlich Ihre L. Weiß.

 

Briefdaten

Gattung
Verfasser
Empfänger
Datierung
04-11-1867
Entstehungsort
Entstehungsland
Besitzende Institution
EHA Jena
Signatur
EHA Jena, A 16609
ID
16609